Der Scharfblick der Beherrschten

Das Wahrnehmungsspektrum der Beherrschten beinhaltet ein multidimensionales Wahrnehmungsmuster. Dieses ist nicht ein Produkt ihrer übernatürlichen Fähigkeiten, sondern allein aus ihrer gesellschaftlichen Position erklärbar. Indem die Individuen sich von vornherein als die Teilnehmenden an mehreren „Welten“ vorfinden, erlernen sie die in diesen Kontexten herrschenden Normen, den Umgang damit im Besonderen und auch einen Umgang in den Situationen, in denen es zu Überlappungen kommt. Es handelt sich um eine „kognitive und evaluative Dissonanz, die zu ihrer Hellsichtigkeit“ führt. Ob sie tatsächlich den Standpunkt der Herrschenden besser verstehen als diese sich selbst ist fraglich, sicherlich ist es aber so, dass sie dadurch an der Fähigkeit, sich in diversen diskriminierenden Situationen zurechtzufinden, gewinnen. Trotzdem, außer in der ungewöhnlichen Situation einer Revolution vielleicht, handelt es sich bei diesem Wissen, das auch eine Art Macht ist, um ein schwaches Wissen, um etwas, dessen Durchsetzungskraft im Rahmen der vorgegebenen Ordnung limitiert ist. Dieses Wissen wird von dem anderen herrschaftlichen Wissen indem ihr Wirksamkeit limitiert wird, dominiert. Wie Bourdieu (2005, 60-61) feststellt, hat dieses Wissen aufgrund der Tatsache, dass es die vorherrschenden Verhältnisse nicht revolutionieren kann, auch die Funktion der Bestätigung der Vorstellung, dass die „Minderheiten“ gefährliche Wesen sind. Darum, angesichts dieser angenommenen (weil tatsächlich in Ansätzen vorhandenen) „Gefahr“, erscheinen die Vorsichtsmaßnahmen wie die Sondergesetzgebung, die polizeiliche Sondereinheiten, die Sonderbehandlung durch die soziale Arbeit, überhaupt besondere in die Gesellschaft kanalisierenden Maßnahmen gegenüber Minoritären, als gerechtfertigt. Die Rechtfertigung des gefährlichen Anders-Seins der Minoritären gründen somit auf ihre innerhalb der Verhältnisse vorgegebenen Machtpotentiale.

(Bourdieu, Pierre (2005) Die männliche Herrschaft. Frankfurt am Main)

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