Drei Handlungsfelder

Politische Antirassismus versteht sich als Praxisdenken mit dem Zweck der Verbesserung der Lage der diskriminierten Schichten in der Gesellschaft. Der Grundgedanke dabei ist, dass die Gesellschaften in denen wir leben auf Ungleichheiten aufgebaut sind, und dass diese Ungleichheiten mittels diverser gesellschaftlicher Mechanismen aufrechterhalten werden.

Das impliziert, dass um etwas an der Lage der diskriminierten Gruppen in der Gesellschaft zu ändern, die strukturelle Zusammensetzung dieser Gesellschaft verändert werden muss. Somit ist die Vorantreibung der Veränderung der Gesellschaft der primäre Moment des politischen Antirassismus.

Der Zweck der Diskriminierung ist bei allen diskriminierten Gruppen kongruent: Es geht um die Schaffung und Erhaltung der Ungleichheit entlang der Linien der billigen Lohnarbeit. Ein zentrales Merkmal der diskriminierten Gruppen ist deren Armut und die Notwendigkeit des billigen Verkaufs der Arbeitskraft um zu überleben. Die Formen dagegen die Diskriminierungen einnehmen können, sind durchaus verschieden und in die Formen von Stigmatisierungen wirken sowohl kollektiv als auch individuell.

Normalität begreifen

Der erste Schritt auf dem Weg zur Veränderung der Lage der Diskriminierten ist Erkenntnis über die funktionalen Mechanismen der Diskriminierung. Politischer Antirassismus stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach der Normalität.

Die Normalität im allgemeinen ist das, was als gesellschaftlicher Konsens gilt. Die Diskriminierungen gehören zur dieser Normalität. Die strukturelle Diskriminierung von Minderheiten ist ein Konsens in unseren Gesellschaften. Der Begriff „Normalität begreifen“ bedeutet also eine Auseinandersetzung mit diesen Selbstverständlichkeiten. Welche historischen Hintergründe haben diese Selbstverständlichkeiten? Welche Instrumente – z.B. Exotisierung, Pathologisierung, diverse Zuschreibungen, Pädagogisierung usw. – werden dabei bedient? Welche prinzipiellen Voraussetzungen haben die diskriminierenden Verhaltenswesen von diversen gesellschaftlichen Akteuren? Welche Gruppen werden entlang welcher Linien diskriminiert (denn nicht alle Gruppen werden mit gleichen soziopolitischen Mechanismen entrechtet)? Usw.

Subjektposition der Diskriminierten

Der zweite Schritt ist die Entwicklung eines neuen Blickwinkels. Neben der Entwicklungsgeschichte der herrschenden Position gibt es die Position der Beherrschten die trotz der Verdeckungen, der Diffamierungen, und trotzt der gesellschaftlich nicht anerkannten Wahrnehmung, besteht und sich ausgehend von der soziopolitischen und kulturellen Entwicklungen perpetuiert. Es geht dabei um die AkteurInnenposition von jenen, denen normalerweise dieser Position verweigert wird. Es geht um die handelnde Subjektposition der Beherrschten. Wie agieren sie und wie reagieren sie angesichts der Tatsache der Diskriminierung? Beobachtbar sind mehrere Verhaltensmuster: Erstens die auf eine Verinnerlichungen der Diskriminierungen basierende Minderwertigkeit. Zweitens der Pragmatismus der besagt „Die Gesellschaft ist halt so und wir müssen uns anpassen“, und drittens eine Offensive,die auf „etwas dagegen tun“, aufbaut. Diese drei Positionen werden hier idealtypisch gedacht, d.h. in Realita können wir sie selten in einer reine Form finden. Diese Positionierungen führen zur verschiedene Handlungen die sich an verschiedene Handlungsorte manifestieren und verschiedene Handlungsfelder eröffnen. Die Positionen entstehen und verändern sich mit der vorherrschende soziopolitischen Normalität in einer Gesellschaft. Keineswegs aber handelt es ich dabei um rein reaktive Positionen, sondern um das Wesen der Instrumentierung der Gegebenheiten zwecks Schaffung des Freiraums für die eigenen Tätigkeiten. D.h. dass wir in jeder Handlung der Subjekte sowohl reaktive also auch aktive Vorgangsweisen finden. Je restriktiver eine gesellschaftliche Normalität umso mehr Mitglieder einer Gemeinschaft neigen zur Selbstverleugnung. Ein großer Teil jeder Community neigt zu Pragmatismus, zum Arrangement mit den vorherrschenden Verhältnissen und in der Regel gibt es immer einen aktivistischen kleinen Teil der Gemeinschaft, der Handlungen in Richtung Veränderung der Gesellschaft zur Verbesserung der Lage oder überhaupt der Emanzipation der Gesellschaft setzt. Je egalitärer eine Gesellschaft ist, umso größer ist der Teil der auf die Emanzipation der Gruppe gerichtete aktivistische Handlungen setzt. Emanzipation kann aber unterschiedlich gedeutet werden, der einzige gemeinsame Anker aller Emanzipationsinhalte ist, dass die Gruppe die sich emanzipieren soll nicht mehr so da stehen soll wie das „bis jetzt“ der Fall war. Es gibt verschiedene Emanzipationsbestrebungen. Die Emanzipationsbestrebung von denjenigen die Diskriminierungen verinnerlicht haben, kann als deckungsgleich mit der Bestrebungen der vorherrschenden Normalität betrachtet werden. Die Differenzbestrebungen dabei begrenzen sich auf die Betonung des Eigenen (z.B. der eigenen Musik, Folklore, Tradition, usw.) was die Marktposition innerhalb einer bestehenden Struktur markieren soll. Es handelt sich um eine Bestrebung nach Gleichheit durch die Angleichung. Die Emanzipation der AktivistInnen dagegen ist eine, die nach Emanzipation von den diskriminierenden Zuschreibungen trachtet und weist zumeist konfrontative Züge auf. Die Emanzipationsbestrebungen greifen in die bestehenden antidiskriminatorischen Organisationstendenzen innerhalb der Gruppe selbst hinein. Innerhalb von Selbstorganisationen, von Hilfsnetzwerken, informellen Distributionskanälen, von bestehenden familiären und sonstigen Verwandtschaftsstrukturen, informellen Treffpunkten usw. wird versucht Wissen einzuführen die solche Zusammenhänge stärken. Es geht dabei um eine Bejahung der AkteurInnenpositionen und um eine aktive Mitbeteiligung, nicht um Hilfe, nicht um Bevormundung oder Advokatenpositionen usw., sondern allein einen Wissenstransfer um die bestehenden Positionen zu stärken.

Umverteilung des symbolischen und kulturellen Kapitals

Die dritte Ebene ist die der Umverteilung des kulturellen und symbolischen Kapitals. Kultur verstehen wir in diesem Zusammenhang als Instrument zur Durchsetzung der wahrnehmbaren Präsenz in der Öffentlichkeit, als ein Instrument der Vorantreibung der Teilhabe. In diesem Sinne ist es wichtig das bestehende kulturelle Kapital einer Community sichtbar zu machen und zur deren Vergrößerung beizutragen. Filme, Kunstproduktion, Musik, …. alles kann darin einen Platz haben. Der entscheidende Moment ist, dies nicht als Exotismus, als eben zusätzliche Bereicherung des Bestehenden (den das Bestehenden gründet auf die Ausschließung), oder als Minderheitenprogramm (denn die politische Korrekturen sind von kurzen Dauer und den gerade vorherrschenden gesellschaftlichen und ideologischen Konjunkturen unterworfen), sondern immer dabei die Position des Mittendrin, der Teilhabe als Leitidee zu vertreten.

Schlussfolgerung

Wir haben mit drei voneinander unterscheidbare Betrachtungs- und Handlungsfelder zu tun. Erstens der Feld der diskriminierenden Gesellschaft, wo es darum geht die Mechanismen der Exklusion zu erkunden und sich damit auseinanderzusetzen was dem entgegen zu setzen wäre. Zweitens geht es um die bestehende AkteurInnenposition der politischer Subjekte selbst und um die Stärkung dieser Position: Was und wie wird etwas getan um diese zu stärken? Welcher Position von dem drei gängigen Handlungsoptionen gebührt welche Stärkung? Und drittens geht es darum, die besondere Funktion der Kultur- und Kunstproduktion innerhalb eines Kulturverständnisses als Teil der Emanzipationsbestrebungen zu verankern und an deren Wahrnehmbarkeit, deren Stärkung und auf deren Kumulation innerhalb der bestehenden Selbstorganisationsstrukturen hinzuarbeiten.

Historisierung als Strategie

Als Historisierung oder Geschichtswerdung wird eine Strategie des Verwandelns der hegemonialen Erzählungen bezeichnet. Diese Verwandlung oder Veränderung bringt insofern eine Neuerung mit sich, als ein anderer Blick auf die Geschichte möglich wird, und dadurch eine andere Gestaltung der Gegenwart – und somit auch ein anderer Traum von der Zukunft. Historisierung als Strategie kann somit auch eine politische Funktion haben.

Aktualisierung der Gleichheit: Das Politische ist, Jacques Ranciéré folgend, ein Prozess, in dem es um Aktualisierung des Gleichheitsprinzips geht. Vorangetrieben werden kann diese Aktualisierung nur in einem Dissens. Dabei stehen sich zwei Gruppen symbolisch und real gegenüber: Einerseits diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, die auf die Erhaltung des Bestehenden pochen (und dafür entsprechende Techniken entwickeln), und andererseits diejenigen, die an diesem verallgemeinerten Konsens keinen Teil haben und bestrebt sind, Techniken zu entwickeln, um die Teilhabe voranzutreiben. Die Aktualisierung der Gleichheit, eines universellen Prinzips, erfolgt durch die partikularen Bestrebungen nach der Teilnahme an der Gemeinschaft. Um diese Aktualisierung – und somit auch eine gewisse Veränderung des Herrschenden – voranzutreiben oder überhaupt auf die Normalität der Verhältnisse eine Blickmöglichkeit zu bekommen, kommt es zu einem Prozess der Subjektbildung, zur Herausbildung eines Kollektivs, das überhaupt imstande ist, für sich einen bestimmten Teil der Gesellschaft einzufordern. Die Historisierung als Strategie bekommt ihre Bedeutung genau in diesem Punkt der Subjektbildung. Und zwar in mehreren Hinsichten. Als notwendige Voraussetzung davon, indem die reale Notwendigkeit der Veränderung in eine Tradition hineingetragen wird. Dies geschieht, um einem politischen Subjekt, das nach einer Veränderung des Bestehenden trachtet, also auf Zukunft orientiert ist, ein Bewusstsein der vergangenen Dauerhaftigkeit zu vermitteln. Eine Dauerhaftigkeit, die eben durch diesen Prozess eine Fortsetzung finden soll.

Es handelt sich dabei – in Managementsprache gesprochen – um eine Technik zur Hervorbringung und auch zur Stärkung des politisch Subjekts, um eine Selbststärkungstechnik der Gruppe. Eine individuelle politische Historisierung gibt es nicht.

Dieser Prozess ist in erster Linie nicht ein Geschichtsschreibungsprozess, sondern ein Subjektivierungsprozess und kann wie alle Techniken der Selbstobjektivierung als Missbrauch oder als Eigenstärkung betrachtet werden, je nach der Perspektive, die von Betrachtenden eingenommen wird.

Parteilichkeit als Charakteristikum: Somit kommen wir zu einem zentralen Charakteristikum des Prozesses der Historisierung als Strategie, nämlich der Parteilichkeit. Es ist ein Prozess, der mehr im Rahmen der Geschichtspolitik einen Platz hat und kaum im universitären Bereich der offiziellen Geschichtsschreibung zu finden ist. Seine Funktion für die offizielle Geschichtsschreibung besteht einerseits in der Aufdeckung der Themenbereiche, über die geforscht werden kann, und andererseits – und da beginnt es für die offizielle Geschichte brenzlig zu werden – in der Forderung nach Teilnahme der Subjekte an der Forschung. Die Teilnahme an diesem Definitionsorgan der Gesellschaft wird mittels Delegitimierung vorangetrieben. Den „ExpertInnen“ wird die Macht, die sie sich angeeignet haben, einfach abgesprochen, indem ihnen auch Parteilichkeit für die Herrschaft zugesprochen wird. Die Herrschaft ist immer bestrebt, ihren Durchsetzungserfolg mittels ihrer Mechanismen zu verbergen und sich zu vergrößern. Insofern stellt die Objektivität der ExpertInnen nichts anderes als eine Neutralitätsbehauptung dar. „Neutralität für wen?“ ist dabei eine unentbehrliche Frage. Auch ExpertInnen sind Teil der Gesellschaft und somit auch ein Teil der Herrschaftsstrukturen. Um ihre Stimme hörbar und argumentativ wahrnehmbar zu machen, müssen sie sich die bestehenden Techniken der Legitimation ihrer Position innerhalb dieser Gesellschaft angeeignet haben. Auch die ExpertInnen müssen ihren „Staatsbürgerschaftstest“ bestanden haben. Sie sind nicht außerhalb der herrschenden Teile der Gesellschaft, sondern ganz im Gegenteil deren Bestandteil und real betrachtet auch eine ihrer Stützen. Es ist keineswegs zufällig, dass die Geschichte, die wir kennen, bis heute die Geschichte der Nationalstaaten ist. Sie wird von denen geschrieben, die von diesen Nationalstaaten bezahlt werden. Und da spielt die in Österreich viel beschworene Zugehörigkeit zu einer Interessensvertretung keine Rolle.

Teilnahme als Ziel der Historisierung: Wie schon gesagt kann die Historisierung als politische Strategie Effekte in diesem Feld hervorrufen. Das Hauptziel der Historisierung ist aber in Richtung des sich selber Wissen aneignenden Subjekts gerichtet. Zweck dieser Gerichtetheit ist die Teilnahme, die zu einer Neupositionierung in der Gesellschaft führen soll.

Die Historisierung als politische Strategie sagt immer mehr über die jeweilige Zeit und über die Gruppe, die sie hervorruft – und sich möglicherweise erst durch diesen Vorgang strukturiert – aus als über die Vergangenheit. Diese Art der Geschichtsauslegung bezieht sich auf die Gegenwart, und das in Bezug auf kollektive Geschichte. Sie hat einen Sinn, und zwar die Veränderung des Bestehenden.

Die politischen Subjekte, wenn sie sich ihrer soziopolitischen Lage bewusst werden, entwickeln ein anderes Verhältnis zur Vergangenheit. Dazu ist ist noch zu sagen, dass die Einbeziehung anderer, bisher verdeckter Ereignisse und Geschichten in die eigene kollektive Geschichte einen anderen Begriff von Vergangenheit, von den Vorgängen in dieser Vergangenheit, impliziert. Es handelt sich um die Aneignung der Vergangenheit, um die politische Position des/r Sperchers/in unverrückbarer zu machen. Dabei kann es sich keineswegs um die Analogien zwischen jetzt und damals handeln, zu Vieles ist dazwischen passiert, um irgendwelche Parallelitäten herstellen zu können. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Es geht letztlich um ein freies Verhältnis zur Vergangenheit – freies Verhältnis zur Vergangenheit, um die Freiheit und die Gleichheit, die Egaliberté, in der Gesellschaft voranzutreiben.