Die antisemitischen Verschwörungstheorien und die rassistischen Integrationen

Während die Antisemiten davon ausgehen, dass die „Juden“ alles haben, alles besetzen und besitzen, oder zumindest wie der – ich bin gar nicht so sicher, ob diskursiv unbedarfte oder böswillige – gegenwärtige Präsident Serbiens die Shoah dadurch erklärt, dass diese „Minderheit zu viel Präsenz in bestimmten Professionen, in Kunst, Finanzwesen und Wissenschaft zeigte“[1], gehen die Rassisten in Österreich, wie auch überall, davon aus, dass dem Anderen etwas mangelt. Er oder sie sind, nach „unseren“ Maßstäben, noch nicht so weit, um gleichberechtigt zu sein. Folgendes rassistisches diskursives Muster zeigt sich wieder einmal deutlich: Die zusätzliche Qualifikation, der Überschuss, die sie, die Anderen, als ein Teil der Gesellschaft erweisen sollen, ist etwas, was erworben werden soll. Wenn sie dieses mehrheitsgesellschaftliches Surplus (noch) nicht haben, dann liegt das an ihnen: Sie sind wohl an ihrer Position in der Gesellschaft selber schuld. Übrigens, die Position von Anderen wechselt mit der Zeit, es sind nicht immer die gleichen Gruppen damit adressiert. Wichtig dabei ist aber, dass dadurch den Gesellschaft (und wohl auch sich selbst als Teil davon) gegenüber die kleinen, großen, direkten oder indirekten usw. Diskriminierungen und  Restriktionen gerechtfertigt werden.

[1] Vgl.: Neprimerena izjava predsednika Srbije Tomislava Nikolića. Auf: http://kucaljudskihprava.rs/neprimerena-izjava-predsednika-srbije-tomislava-nikolica/ (28.01.2015)

Advertisements

Namen und Nationen

Namensgebung ist eine spezifische an den Nationalstaat und die Nation gebundene Praxis, die in einer engen Verbindung zur Konzentration der Macht steht. So wie es unmöglich ist sich zu vorstellen, dass es zwei gleichnamige Nationalstaaten gibt, so ist es im Rahmen der Nationalstaaten unmöglich, die nicht schriftlich kodifizierten Namen, solche, die einen als Angehörigen von einer bestimmten Nation aufweisen, als endgültig gesellschaftsfähig zu erklären.
Eine Tendenz dem gegenüber gibt es mit den Kurznamen oder Nadimci (Spitznamen, Kosenamen), die mit der Zeit so wie die Namen bestehen, gewissermaßen den Platz der Namen einnehmen. Neulich meldete die montenegrinische Tageszeitung „Vijesti“, dass es in Montenegro ein Dorf gibt, in dem es seit Generationen die Kommunikation nur durch solche Benennungen funktioniert. Die Menschen kennen sich untereinander nur unter solchen ihnen vom Kollektiv hergegebenen Bezeichnungen. Ich kenne Menschen seit meiner frühesten Kindheit, die für mich immer einen bestimmten Namen gehabt haben, nun aber, wenn ich mit ihnen ihren Pensionsantrag ausfüllte, muss ich feststellen, dass sie ganz anders heißen. Ein Name, der nie in meiner Gegenwart verwendet wurde, und eigentlich „in dem Buche“, wie mir die betreffende Person erklärte, so steht. Plötzlich stellt sich heraus, dass „Guca“ in schriftlicher Form „Dara“ heißt und keiner weiß, warum sie gerade „Guca“ genannt wurde. Neulich auch erzählte mir ein Bekannter, dass er einmal Schwierigkeiten am Flughafen mit einem Freund gehabt hat: Er hat die Flugtickets reserviert und dabei den Namen Aleksandar, den er seit je kannte, als denjenigen seines Freundes angegeben. Nun stellte sich am Flughafen heraus, dass der Freund gar nicht Aleksandar sondern Zlato (Gold) hieß. Ein Name, den niemand von seinen Freunden als seinen gekannt hat. Die Erklärung dazu: Angeblich hat sein Vater so sehr Gold geliebt und begehrt, dass er seinen Sohn Gold genannt hat. Und der Sohn schämt sich sein ganzes Leben, diesen Namen in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie mussten jedenfalls ein anderes Ticket mit dem „richtigen“ Namen kaufen. Die Verwaltung kennt keinen anderen Namen als den, der in persönlichen Dokumenten von anderen Verwaltungen eingetragen wurde. Die Verwaltung erkennt nur die Verwaltung, nicht aber die Person dahinter, den Namensträger, als eine Machtinstanz an. Nicht zufällig wurden mit den Roma-Verordnungen von Maria Theresia und Joseph II den Roma streng verboten, andere als die Taufnahmen zu verwenden.

Während des Krieges in Jugoslawien wurde ich jahrelang gefragt, woher ich komme. Ich antwortete immer zuerst aus Jugoslawien. Da meine Gesprächspartner, obwohl sie oft nicht zu den unhöflichsten Gruppen in der Gesellschaft gehörten, aber meistens weiter insistierten woher genau, sagte ich immer aus Serbien. Damit war es klar über welche Themen wir reden werden. Da war eben nicht mehr genug, einen Yugo-Namen zu verorten, wie üblich in den vergangenen Jahrzehnten bis dahin, sondern es bestand ein Bedarf nach mehr Informationen, nach denen die darauf folgende Gesprächssituation in die richtige Richtung gelenkt werden sollte. Dass dadurch vielen Menschen – wie mir übrigens auch – mittels Schaffung ideologischer Korsette, mit denen sie zumeist nicht einverstanden waren, ein Unrecht angetan wurde, wurde in Kauf genommen. Es gehörte sozusagen zu der Normalität der Nationalstaaten, dass es andere Nationalstaaten gibt und die Menschen, die herum laufen müssen, eben zu einem dieser Orte der Verwaltung angehören: Diese Annahme wurde regelmäßig von meinen Gesprächspartnern selbstverständlich gesetzt. All diese Menschen, die solch unbewusste psychologische Gewaltakte betreiben, würden sich nie als Nationalisten betrachten. Trotzdem gehen sie von einem durch und durch nationalistischen Gesamtbild aus, nämlich dem, dass unsere Welt aus Nationen besteht und dass alle Menschen bedingungslos einer solchen Struktur gehören müssen. Hätte ich sie weiter informiert, dass ich zu einer Minderheit gehöre usw., wäre das nichts anderes als eine Bestätigung für ihre mir aufoktroyierte Wirklichkeit, dafür eben, dass es Nationen, Ethnien, Mehrheiten und Minderheiten im Rahmen der bestehenden Verwaltungsorte usw. gibt.

Das Machtvolle an dieser Erzählweise ist das, dass es aus so einem Gespräch keinen kommunikativen Ausweg gibt, es gibt keine Möglichkeit, einem so insistierendem Gegenüber auf der gleichen Ebene entgegenzutreten und zu behaupten, dass es keine Nationen gibt, denn das würde in seinem Weltbild nur heißen, dass es sich um eine antinationale Position handelt, also eine Position, deren Herkunft die Reaktion auf die nationale Gedanken wäre. Es lässt sich da ein Vergleich mit Theismus und Atheismus ziehen. Denn Atheismus ist immer etwas gegen Theismus. Nun aber, während es heutzutage durchaus möglich ist, eine Position der Gottlosigkeit, – sich jenseits der Diskussion um die Existenz Gottes mit dem Argument der Bedeutungslosigkeit solcher Art von Disputen – einzunehmen, ist es institutionell, strukturell nicht möglich, eine antinationale Position einzunehmen. Es ist unmöglich, individuell zu behaupten, staatenlos, eben ortlos im Sinne der bestehenden Weltordnung zu sein. Gleichzeitig kann die Verwaltung einen ausstoßen: Es existiert, wie wir wissen und womit sich Hannah Arendt eingehend beschäftigt hat, die Figur der Staatenlosen. Diese scheint mir aber mehr ein Effekt der bestehenden Verwaltungsmaßnahmen, vergleichbar der früheren kirchlichen Exkommunikation, zu sein. Der Diskurs des Staatenlosigkeit beinhaltet eine Position der Bestrafung und nicht einer der Autonomiegebung. Somit ist einfach eine andere Art, eine negative Art von Bindung an die bestehenden Verwaltungsstrukturen markiert. Die antinationale Position des Individuums wird immer in Hinblick auf die vorher stehende nationale Position gedeutet und verstanden.
Dieses Beharren auf der eigenen Nation erfolgte in diesem Kontext indirekt, indem mir und den anderen Migrantinnen aus Jugoslawien auch eine nationale Zugehörigkeit unterstellt wurde. Denn es war für diejenigen, die mich fragten, klar, dass sie irgendwo hingehörten, dass sie ein „Wir“ bildeten, das sich von dem „Wir“ unterschied, dem meine Zugehörigkeit unterstellt wurde. Die Nation erscheint da nicht nur als ein „Wir“, sondern es bedeutet vor allem auch ein unbedingtes Verlangen, dass sie, die Anderen, eindeutig „sind“. Eine schwache Konstitution des anderen Seins in Hinblick auf die eigene starke Position der bestimmbaren Instanz. Die Frage, die sich solche Fragenden stellen, ist: Wie ist es möglich zu sein, ohne zu einem „Wir“ zu gehören, und da in ihrer unmittelbar vorhandenen Welt so etwas unmöglich ist, nehmen sie klarerweise an, dass auch ich – nolens volens – einem solchen „Wir“ zugehöre. Einem „Wir“, das ein Territorium woanders eingezäunt hat – weil ich durch die Fremdengesetzgebung gar nicht dazu, wo sie hingehören, gehören dürfte.
Das wäre ein weiteres Merkmal der Nationalisten: Die Überzeugung, dass dieses „Wir“, dem sie zugehören, an ein Territorium gebunden ist. Das ist dann die Heimat. Meine Gesprächspartner gehörten fast durchgehend zu der Sorte, die sich von diesem Wort aufgrund seines nationalsozialistischen Missbrauchs distanzierte, aber sie taten in ihren diskursiven Auftritten und durch den für sie so selbstverständlichen Versuch, eine Kommunikation im nationalistischen Diskurs herzustellen, nichts anderes, als genau diese postnationalsozialistische Heimat zu bestätigen. Eine Heimat, die ein „Wir“ beinhaltet, eine, die ein „Wir sind“ und „Wir werden immer sein“ beinhaltet, und die an ein Territorium, auf dem Sie zu bestimmen legitimiert sind, gebunden ist.