Der Scharfblick der Beherrschten

Das Wahrnehmungsspektrum der Beherrschten beinhaltet ein multidimensionales Wahrnehmungsmuster. Dieses ist nicht ein Produkt ihrer übernatürlichen Fähigkeiten, sondern allein aus ihrer gesellschaftlichen Position erklärbar. Indem die Individuen sich von vornherein als die Teilnehmenden an mehreren „Welten“ vorfinden, erlernen sie die in diesen Kontexten herrschenden Normen, den Umgang damit im Besonderen und auch einen Umgang in den Situationen, in denen es zu Überlappungen kommt. Es handelt sich um eine „kognitive und evaluative Dissonanz, die zu ihrer Hellsichtigkeit“ führt. Ob sie tatsächlich den Standpunkt der Herrschenden besser verstehen als diese sich selbst ist fraglich, sicherlich ist es aber so, dass sie dadurch an der Fähigkeit, sich in diversen diskriminierenden Situationen zurechtzufinden, gewinnen. Trotzdem, außer in der ungewöhnlichen Situation einer Revolution vielleicht, handelt es sich bei diesem Wissen, das auch eine Art Macht ist, um ein schwaches Wissen, um etwas, dessen Durchsetzungskraft im Rahmen der vorgegebenen Ordnung limitiert ist. Dieses Wissen wird von dem anderen herrschaftlichen Wissen indem ihr Wirksamkeit limitiert wird, dominiert. Wie Bourdieu (2005, 60-61) feststellt, hat dieses Wissen aufgrund der Tatsache, dass es die vorherrschenden Verhältnisse nicht revolutionieren kann, auch die Funktion der Bestätigung der Vorstellung, dass die „Minderheiten“ gefährliche Wesen sind. Darum, angesichts dieser angenommenen (weil tatsächlich in Ansätzen vorhandenen) „Gefahr“, erscheinen die Vorsichtsmaßnahmen wie die Sondergesetzgebung, die polizeiliche Sondereinheiten, die Sonderbehandlung durch die soziale Arbeit, überhaupt besondere in die Gesellschaft kanalisierenden Maßnahmen gegenüber Minoritären, als gerechtfertigt. Die Rechtfertigung des gefährlichen Anders-Seins der Minoritären gründen somit auf ihre innerhalb der Verhältnisse vorgegebenen Machtpotentiale.

(Bourdieu, Pierre (2005) Die männliche Herrschaft. Frankfurt am Main)

Historisierung als Strategie

Als Historisierung oder Geschichtswerdung wird eine Strategie des Verwandelns der hegemonialen Erzählungen bezeichnet. Diese Verwandlung oder Veränderung bringt insofern eine Neuerung mit sich, als ein anderer Blick auf die Geschichte möglich wird, und dadurch eine andere Gestaltung der Gegenwart – und somit auch ein anderer Traum von der Zukunft. Historisierung als Strategie kann somit auch eine politische Funktion haben.

Aktualisierung der Gleichheit: Das Politische ist, Jacques Ranciéré folgend, ein Prozess, in dem es um Aktualisierung des Gleichheitsprinzips geht. Vorangetrieben werden kann diese Aktualisierung nur in einem Dissens. Dabei stehen sich zwei Gruppen symbolisch und real gegenüber: Einerseits diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, die auf die Erhaltung des Bestehenden pochen (und dafür entsprechende Techniken entwickeln), und andererseits diejenigen, die an diesem verallgemeinerten Konsens keinen Teil haben und bestrebt sind, Techniken zu entwickeln, um die Teilhabe voranzutreiben. Die Aktualisierung der Gleichheit, eines universellen Prinzips, erfolgt durch die partikularen Bestrebungen nach der Teilnahme an der Gemeinschaft. Um diese Aktualisierung – und somit auch eine gewisse Veränderung des Herrschenden – voranzutreiben oder überhaupt auf die Normalität der Verhältnisse eine Blickmöglichkeit zu bekommen, kommt es zu einem Prozess der Subjektbildung, zur Herausbildung eines Kollektivs, das überhaupt imstande ist, für sich einen bestimmten Teil der Gesellschaft einzufordern. Die Historisierung als Strategie bekommt ihre Bedeutung genau in diesem Punkt der Subjektbildung. Und zwar in mehreren Hinsichten. Als notwendige Voraussetzung davon, indem die reale Notwendigkeit der Veränderung in eine Tradition hineingetragen wird. Dies geschieht, um einem politischen Subjekt, das nach einer Veränderung des Bestehenden trachtet, also auf Zukunft orientiert ist, ein Bewusstsein der vergangenen Dauerhaftigkeit zu vermitteln. Eine Dauerhaftigkeit, die eben durch diesen Prozess eine Fortsetzung finden soll.

Es handelt sich dabei – in Managementsprache gesprochen – um eine Technik zur Hervorbringung und auch zur Stärkung des politisch Subjekts, um eine Selbststärkungstechnik der Gruppe. Eine individuelle politische Historisierung gibt es nicht.

Dieser Prozess ist in erster Linie nicht ein Geschichtsschreibungsprozess, sondern ein Subjektivierungsprozess und kann wie alle Techniken der Selbstobjektivierung als Missbrauch oder als Eigenstärkung betrachtet werden, je nach der Perspektive, die von Betrachtenden eingenommen wird.

Parteilichkeit als Charakteristikum: Somit kommen wir zu einem zentralen Charakteristikum des Prozesses der Historisierung als Strategie, nämlich der Parteilichkeit. Es ist ein Prozess, der mehr im Rahmen der Geschichtspolitik einen Platz hat und kaum im universitären Bereich der offiziellen Geschichtsschreibung zu finden ist. Seine Funktion für die offizielle Geschichtsschreibung besteht einerseits in der Aufdeckung der Themenbereiche, über die geforscht werden kann, und andererseits – und da beginnt es für die offizielle Geschichte brenzlig zu werden – in der Forderung nach Teilnahme der Subjekte an der Forschung. Die Teilnahme an diesem Definitionsorgan der Gesellschaft wird mittels Delegitimierung vorangetrieben. Den „ExpertInnen“ wird die Macht, die sie sich angeeignet haben, einfach abgesprochen, indem ihnen auch Parteilichkeit für die Herrschaft zugesprochen wird. Die Herrschaft ist immer bestrebt, ihren Durchsetzungserfolg mittels ihrer Mechanismen zu verbergen und sich zu vergrößern. Insofern stellt die Objektivität der ExpertInnen nichts anderes als eine Neutralitätsbehauptung dar. „Neutralität für wen?“ ist dabei eine unentbehrliche Frage. Auch ExpertInnen sind Teil der Gesellschaft und somit auch ein Teil der Herrschaftsstrukturen. Um ihre Stimme hörbar und argumentativ wahrnehmbar zu machen, müssen sie sich die bestehenden Techniken der Legitimation ihrer Position innerhalb dieser Gesellschaft angeeignet haben. Auch die ExpertInnen müssen ihren „Staatsbürgerschaftstest“ bestanden haben. Sie sind nicht außerhalb der herrschenden Teile der Gesellschaft, sondern ganz im Gegenteil deren Bestandteil und real betrachtet auch eine ihrer Stützen. Es ist keineswegs zufällig, dass die Geschichte, die wir kennen, bis heute die Geschichte der Nationalstaaten ist. Sie wird von denen geschrieben, die von diesen Nationalstaaten bezahlt werden. Und da spielt die in Österreich viel beschworene Zugehörigkeit zu einer Interessensvertretung keine Rolle.

Teilnahme als Ziel der Historisierung: Wie schon gesagt kann die Historisierung als politische Strategie Effekte in diesem Feld hervorrufen. Das Hauptziel der Historisierung ist aber in Richtung des sich selber Wissen aneignenden Subjekts gerichtet. Zweck dieser Gerichtetheit ist die Teilnahme, die zu einer Neupositionierung in der Gesellschaft führen soll.

Die Historisierung als politische Strategie sagt immer mehr über die jeweilige Zeit und über die Gruppe, die sie hervorruft – und sich möglicherweise erst durch diesen Vorgang strukturiert – aus als über die Vergangenheit. Diese Art der Geschichtsauslegung bezieht sich auf die Gegenwart, und das in Bezug auf kollektive Geschichte. Sie hat einen Sinn, und zwar die Veränderung des Bestehenden.

Die politischen Subjekte, wenn sie sich ihrer soziopolitischen Lage bewusst werden, entwickeln ein anderes Verhältnis zur Vergangenheit. Dazu ist ist noch zu sagen, dass die Einbeziehung anderer, bisher verdeckter Ereignisse und Geschichten in die eigene kollektive Geschichte einen anderen Begriff von Vergangenheit, von den Vorgängen in dieser Vergangenheit, impliziert. Es handelt sich um die Aneignung der Vergangenheit, um die politische Position des/r Sperchers/in unverrückbarer zu machen. Dabei kann es sich keineswegs um die Analogien zwischen jetzt und damals handeln, zu Vieles ist dazwischen passiert, um irgendwelche Parallelitäten herstellen zu können. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Es geht letztlich um ein freies Verhältnis zur Vergangenheit – freies Verhältnis zur Vergangenheit, um die Freiheit und die Gleichheit, die Egaliberté, in der Gesellschaft voranzutreiben.

Die Sprache als Ort der Demokratie

Innerhalb des Ortes der Demokratie nimmt die Sprache als Überzeugungstechnik strategisch die wichtigste Position ein. Umgekehrt können wir sagen, dass diese politische Funktion der Sprache erst mit diesem Ort und mit dem in Verbindung stehenden, mit dem Dispositiv, für uns besteht. Die Demokratie ermöglicht die strategische Funktion der Sprache, indem sie Raum schafft für deren weitere Entfaltung. Denn der Dispositiv beinhaltet die Politik als  Teilnahme Aller, die wiederum die Möglichkeit der Schaffung der unzähligen Techniken der Teilhabe impliziert. Die Geschichte der Erfindung, Strukturierung, Transformationen, Ambivalenzen, Durchsetzungen und Verblassungen dieser Techniken ist die Geschichte der Demokratie. Und sie ist nichts anderes als die Geschichte des Kampfes um die Optimierung dieser Teilnahme: Ein bis heute andauernder Dissens. Die Geschichte eines Konfliktes, der jedem – wenn er oder sie sich politisch betätigt – zur Notwendigkeit der Parteiergreifung als allerersten Imperativ bewegt. Die Parteiergreifung wiederum sagt, dass es mehrere „Parteien“ gibt, mehrere Möglichkeiten auf die die Entscheidung treffen kann. Ein Dissens beinhaltet einen Raum, im Sinne der sozialen Gefüge, für die Realisierung der Gleichheit jeder/s und eine für diesen Realisierungswillen notwendige Position der Freiheit, eine Freiheit zur Gleichheit und umgekehrt, eben „egaliberte“ wie Balibar es nennt. Die Verwendung der Sprache als Instrument der Überzeugung setzt also das Bestehen dieser Verzahnung zwischen sich gegenseitig aufstachelnden, teilweise realisierten, teilweise aber erst zu realisierenden Inhalten der Zusammenfügung des Begriffspaares Gleichheit und Freiheit voraus. Und dieser Realisierung ereignet sich zwischen den zwei grundsätzlichen Modi jedes Individuums, zwischen Einsamkeit und Kollektivität. In Rahmen dieses Dispositivs wird die Sprache, der Diskurs, zur bevorzugten Technik der Politik. Darum also die Wichtigkeit der Sprache. Das ist das Körnchen Wahrheit in der sonst so banal wirkenden Desinformationstechnik der Integration mittels Spracherlernung, die im heutigen Europa Konjunktur feiert.

Die Demokratie wird mit einer bestimmten Verwendung der Sprache identifiziert und wenn diese untersagt wird, dann ist sie selbst bedroht. Darum ist die aufgezwungene Schweigsamkeit einer so großen Gruppe, wie die Migrantinnen und Migranten sind, innerhalb jedes Systems das für sich behauptet, Demokratie zu sein, genau aus den demokratischen Gründen unzulässig.

Das ist die positive treibende Kraft des Pochens auf die Erlernung der Sprache seitens der Verwaltungssysteme in Europa. Dass diese Sprache eine Nationalsprache ist und somit auch eine bestimmte Hegemonie eine Bestätigung dadurch erfährt, ist eine andere Seite der Medaille. Das zeugt von der Möglichkeit einer strategischen Verwendung der Sprache zur Unterdrückung. Die Sprache ist ein Instrument, dessen Funktion der Überzeugung engstens mit dem soziopolitischen Zustand der Demokratie verbunden ist. Als Instrument kann sie aber auch andere Verwendungen finden, z.B. die der Technik, die Individuen unmündig zu machen. Auch deswegen ist es immer wichtig zu hinterfragen wer, was, wo, für wen und wie spricht.

Ad Migrationsforschung(en)

 

 

Am 04.02.2013 schickte mir Andrea Poschmaier einige Fragen per E-Mail. Ich denke, meine Antworten könnten von allgemeinerem Interesse sein.

 

A.P.: Migrationsforschung ist in Österreich nicht sehr institutionalisiert. Es gibt nur wenige Stellen, die sich wissenschaftlich ausschließlich mit Migration beschäftigen. Sehen Sie das als  Vorteil oder Nachteil für die Migrationsforschung? Macht das die Finanzierung von Migrationsforschung schwieriger?

 

Lj.B.: Wir sprechen hier nicht über Migrationsforschung, sondern über Migrationsforschungen. Der Plural ist nicht deswegen wichtig, weil es sich hier um die Arbeit von Individualist/innen  handelt – obwohl das natürlich auch der Fall sein kann -, sondern weil es einen Unterschied macht, wer in wessen Auftrag und mit welchem Ziel forscht. Wir befinden uns auf dem Terrain der Sozialwissenschaften und diese sind per definitionem nicht neutral. Deswegen nicht, weil sie mit Menschen, oder besser ausgedrückt, mit deren Handlungen zu tun haben… und diese Handlungen erfolgen aus bestimmten gesellschaftlichen Positionierungen – aus der Position der Herrschenden oder der Beherrschten. Sozialwissenschaft ist ein Bereich der menschlichen Tätigkeit, eine Arbeit am Wissen, bei der eine Entscheidung getroffen werden muss, und zwar eine, die sich aus der Antwort auf die Frage „Wofür stehe ICH im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang?“ ergibt. Die Migrationsforschungen als Teil der sozialen Theorien produzieren somit, um Bourdieu zu zitieren, „Programme der Wahrnehmung“ die einen starken Einfluss auf die Realität haben,  wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Jede/r Wissenschaftler/in im Bereich des Sozialen, also der strukturellen Zusammenhänge unserer Gesellschaft, trifft diese Entscheidung. Die Differenz zwischen verschiedenen Wissenschaftler/innen besteht nur darin, ob sie diese Entscheidung reflektiert haben oder nicht, und auch darin, ob sie diese Entscheidung öffentlich machen oder für sich behalten.

Zur Frage der Institutionalisierung: Ich bin nicht sicher, wie die am besten zu beantworten wäre. Gewissermaßen hat sich die kritische Migrationsforschung am Rande oder auch außerhalb der institutionellen Zusammenhänge entwickelt. Die Position „außerhalb“ bringt Freiheit aber auch notwendigerweise Diskontinuität mit sich. So lässt sich heute behaupten, dass wir eine diskontinuierliche kritische Migrationsforschung in Österreich haben, deren Beginn zeitlich in den früheren 1980er Jahren zu verorten ist. Dieser Beginn ist z.B. für mich persönlich mit der kleinen Studie über die chilenischen Flüchtlinge von John Patillo Hess sehr verbunden. Zu betonen wäre aber, dass es keine historischen Untersuchungen darüber gibt, wann welche Studie von wem in wessen Auftrag mit welchem Inhalt erstellt wurde. Dies wäre m. E. für ein Verständnis der gegenwärtigen Situation,notwendig.

Andererseits gibt es selbstverständlich auch die Migrationsforschung im Dienst der Ordnungsmacht. Diese Art, sich zu positionieren, charakterisiert eine Mehrzahl der Forscher/innen, die sich in der Öffentlichkeit als Meinungsmacher/innen inszenieren. Das sind Menschen, die ihr Wissen an systemische Zusammenhänge verkaufen, die offizielle Diskriminierung vorantreiben. Auch dieses Feld ist durch Diskontinuität gekennzeichnet, denn auch in diesem Geschäft wird nur nach Bedarf gekauft.

Nun zur Frage der institutionellen Gebundenheit, ob das von Vorteil oder von Nachteil ist. Die Finanzierung der Forschung wird in jedem Fall schwieriger, wenn die ForscherInnen nicht an eine Institutionen gebunden sind. Es geht aber nicht nur um die Finanzierung der ForscherInnen, sondern vor allem um Kontinuitäten, denn Migration ist ein Phänomen, das nur mit einer kontinuierlichen Forschung auf mehreren Ebenen zu erschließen wäre. Wissenschaftlich gesehen sind punktuelle große Forschungsschwerpunkte, wie z.B. der Fremdenfeindlichkeitsschwerpunkt Mitte der 1990er Jahre, wenig ertragreich, wenn die Ergebnisse nicht weiter „verfolgt“, d.h. reflektiert, angezweifelt, verifiziert, falsifiziert usw. werden. (Bis jetzt wurden Verfahren des Austausches zwischen ForscherInnen zur gegenseitigen argumentativen Bestätigung oder Infragestellung nicht einmal öffentlich angedacht, geschweige denn, dass sie von irgendjemandem verfolgt würden) So gesehen ist es ein Nachteil, wenn Institutionen mit diesem Themenschwerpunkt am Werk sind.

Und noch etwas: Es ist kein Zufall, dass die Institutionen einen verschwindenden Anteil an Forscherinnen aufweisen, die nicht der Mehrheitsbevölkerung zuzuordnen wären. Ich denke, dass es sich um einen Teil der herrschenden diskriminatorischen Praxis in einem rassistisch strukturierten Feld namens Nationalstaat handelt.

Kritische Migrationsforschung wird seitens der nationalstaatlichen Institutionen keineswegs erwünscht,  geschweige denn gefördert und gefordert. Soll eine solche Forschung, die es bisher nur in Ansätzen gibt, weiter entwickelt werden, dann wäre es die erste Aufgabe, die Sozialwissenschaften vollständig aus dem staatlichen Einfluss, aus dem Einfluss der Interessensvertretungen und auch aus dem Einfluss der Meinungsmacher zu entreissen und so unabhängige Institutionen zu schaffen. Ich sehe aber die Realisierungsmöglichkeiten eines solchen radikalen Unterfangens in den gegenwärtigen Verhältnissen, zumindest was Österreich betrifft, nicht gegeben. Darum sind die ForscherInnen „am Rande“ diejenige Instanz, die gegenwärtig eine an die Realität gebundene Forschung leisten,  weil sie in keinem leicht beeinflussbaren Dienst -Verhältnis stehen und damit ihr Verhalten kein Dienst am System ist.

 

A.P.: Wie interpretieren Sie das Verhältnis von Politik und Migrationsforschung? Besteht Abhängigkeit? Ignoriert die Politik Ergebnisse der Migrationsforschung, oder erstellt sie ihre Maßnahmen auf Basis der durch Forschung gewonnenen Erkenntnisse? Oder ist Migrationsforschung ein Feigenblatt um die politischen Maßnahmen hinterher zu rechtfertigen? Können Sie mir Beispiele nennen?

 

Lj.B.: Das Verhältnis von Politik und Migration ist negativ zu bewerten. Die Interessen der Verwaltung, darunter würde ich gegenwärtig alles subsumieren, was „Politik“ genannt wird, und diejenigen der Sozialwissenschaft sind verschieden, in manchen Punkten handelt es sich um kontradiktorische Vorgänge. Während die einen sich um den Erhalt des Bestehenden bemühen (manchmal auch in Form von Veränderungen, die dazu dienen, dass alles beim Gleichen bleibt), geht es in den kritischen Sozialwissenschaften darum, die Realität so zu zeigen wie sie ist. Dieses Bild der Realität ist allerdings eines, das aufgrund diverser menschenrechtlicher und sonstiger Wertvorstellungen und -praxen, zwangsläufig nach einer Veränderung ruft. Gerade dadurch wird aber die Arbeit der Verwaltung, in deren Zuständigkeit die Herstellung der Ordnung fällt, die im Alltag Realität schafft, in Frage gestellt.

In einem Obrigkeitsstaat, der durch  strikte rassistische Trennungsmechanismen funktioniert, die MigrantInnen in Österreich tagtäglich erleben, vermeidet man und frau klare Analysen. Denn diese könnten zu Widerstand auf der Grundlage der offiziell deklarierten demokratischen Prinzipien von Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit führen. Durch solche Analyseverfahren und Formen der Wissensansammlung und deren unmittelbare Praxisauswirkungen könnten die Verwaltung und die meisten sogenannten PolitikerInnen als das erscheinen, was sie gegenwärtig tatsächlich sind, nämlich als eine Instanz, die sich der Demokratisierung der Gesellschaft in den Weg stellt. Die Gründe dafür wären noch genau zu erforschen. Jedenfalls: Die Demokratie, die repräsentative Demokratie im Rahmen von nationalstaatlich organisierten Gesellschaften, bringt eine Verwaltung hervor, die mit der Zeit die Demokratie, die demokratischen Prinzipien der Gesellschaften, in Frage stellt. Ich denke, Demokratie wird am meisten durch diejenigen gefährdet, die Tag und Nacht behaupten, die Heiligtümer des Systems zu schützen.

Neulich behauptete ein Vertreter der Exekutive unwidersprochen, dass es manchmal notwendig sei, die Menschenrechte außer Kraft zu setzen, um sie zu schützen.  Gibt es eine gefährlichere Aussage für eine demokratische Gesellschaft als diese?

Die Verwaltung jedenfalls braucht die Migrationsforschung oder besser gesagt nur ihre Ergebnisse dann, wenn diese sich in die Ordnung der Dinge einfügen oder unmittelbar als Bestandteil dieser Ordnung fungieren. Wir wissen aber auch, dass die Entwicklung eines bestimmten Wissens, egal wie ordnungsrelevant dieses ist, mit der Zeit auch widerständiges Wissen hervorbringt, spätestens dann, wenn die Legitimität der ForscherInnen (als ForscherInnen) aufgrund ihrer Dienste für die Macht bezweifelt wird –  von anderen aber auch von ihnen selbst, wenn auch nicht in der Öffentlichkeit. Auch diese Zeit zeigt sich langsam am Horizont.

Mein Balkan

Was fehlt mir zum Balkan ein? Partisanenfilme, Jugoslawien, Großeltern, Gastarbeiteroute, frühe Erinnerung an ein düsteres Bild des Belgrader Bahnhofs. Die Väter schwer bepackt mit Koffern. Die grimmigen österreichischen Zollbeamten. Erleichterung nach der Grenze. Das Fleisch und der Schnaps und all die Habseligkeiten durften wieder einmal geschmuggelt werden. Schlafen im klappernden Zug. Banhofstation Sanski Most. Warten. Gebackene Hühnchen, die an alle im Abteil Anwesenden verteilt werden. Haben wir nicht schon in die Schule gelernt, dass es am besten schmeckt, wenn mit allen geteilt wird? Männer, die Bier trinken. Polizei, die dort Milizei hieß. Was war das, dieses mein Balkan? Wessen Balkan?
Mit fehlt dazu noch ein grofler Hit von Azra ein, einer New-wawe-Band der 80er und 90er Jahre in Jugoslawien. Der Refrain geht so: „Balkan, Balkan, du mein Balkan, sei mir mächtig und halte dich aufrecht!“ Blicken wir zurück auf das Ende der 1970er Jahre. Der Punk kam zur uns. Wir bestellten unsere Platten aus den Katalogen direkt in London. Ja, die erste Platte von The Clash, die ich stolz in die Schule trug, um sie bei der großen Pause allen anderen zu zeigen. Die liegt noch immer irgendwo in meiner verstaubten Platensammlung. Dem vor drei Jahren verstorbenen Joe Strummer widmete der vor einem Jahr verstorbene Johnny Cash auf seiner letzten CD ein Lied. Die zwei hätten wir uns in den Spätsiebzigern nicht einmal im Traum zusammen denken können. Die Haare gebleicht mit Wasserstoffperoxyd und gestylt mit UHU-Kleber – der in Jugoslawien OHO hieß.

Erste Lieben. „Sex ist langweilig!“ Alle in der Gymnasium wollten studieren: Die Bauernkinder, die Arbeiterkinder, die Angestelltenkinder. Sie alle hatten noch Zukunft. Und auch viele Möglichkeiten, ein Stipendium zu bekommen. Es fällt mir ein, dass wir viel gelacht hatten und trotzdem so taten, als ob wir auf nichts Bock hätten. „No future!“ war die von Johnny Rotten ausgegebene Parole. Wir lasen Nietzsche und Sartre. In der Schule war Marxismus angesagt. Aber wer interessierte sich denn für Marx? Marx und Engels – das waren die Denkmäler in den Büros der Polizisten. Und mit Polizisten hatten wir keine Friedenspfeife
geraucht. Wir sprühten die Öffentlichen Wände, und sie schlugen auf uns dort, wo sie uns erwischten. Aber wir waren deren Kinder, und sie waren unsere Väter.
Ein Teil davon. Denn der andere Teil der Väter hatte sich schon, bevor wir in die Schule kamen, in Richtung Westen verabschiedet. Ich meine nicht die Generation, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Nazikollaborateure in Richtung Westen verabschiedete. Um von dort aus Jahrzehnte lang an der Zerschlagung Jugoslawiens zu wirken – was ihnen zuletzt auch gelang. Ich meine unsere Väter, die im Nachkriegsjugoslawien aufgewachsen waren und im arbeitsfähigen Alter plötzlich entdeckten, dass es in einem sozialistischen Land, wo es offiziell keine Arbeitslosen geben dürfte, kein Arbeit für sie gab.

Mir fehlen noch die heute groflteils vergessenen Namen von Lumumba, Sukarno, Nkruman, Nasser … Namen der vielen Anführer der blockfreien Bewegung. „Dritte Welt“. Tito, der im „Sutjeska“, einem der meistgeliebten Partisanenfilmschinken, am
Anfang einer lange Kolonne von Kämpfern und Kämpferinnen und auf einem weiflen Pferd aus dem Nebel erscheint. Mir fallen die Studenten und Studentinnen der „brüderlichen Völker“ aus Afrika uns Asien ein, die in jugoslawischen Universitätszentren studierten. Später in Österreich, als ich als Flüchtlingsbetreuer arbeitete, traf ich einen Arzt, der aus Ägypten zum Studieren gekommen und in Sarajevo geblieben war. Dort hatte er geheiratet und war während der Belagerung von Sarajevo nach Österreich geflohen. Als Jugoslawe, als Bosnier, als Ägypter – als was hätte ich ihn die Kartei aufnehmen sollen? Als Überbleibsel einer verlorenen Welt, wie er mir versicherte. Es gibt uns nicht mehr, sagte er zu mir, aber es gab uns. Und das genügt, um ein Teil der Geschichte zu bleiben.

Es gab eine Welt des Fortschrittsglaubens, des angedachten besseren Wegs zwischen den Betonblöcken der zwei Supermächte, an deren Präsidenten ich mich jetzt nicht so leicht erinnern kann. Es gab diese Welt, und es gab sie wiederum nicht. Denn wir waren alle in einer Richtung fixiert. Wir kannten die Zustände in Rumänien, in Bulgarien und in der Sowjetunion. Viele fuhren dorthin, um für ein Paar Jeans sich wochenlang bedienen zu lassen. Wir, ein Teil des Balkans, den immer die Anderen, der Westen – wie Maria Todorova es präzise gezeigt hat -, nach ihrem Gutdünken definierten, also wir blickten stramm in Richtung Westen. Ein Westen, der uns von Popmagazinen vermittelt wurde und auch von den Eltern, die immer wieder mit Koffern, voll bepackt mit Bananen, „nach Hause“ kamen. Je länger sie dort blieben, umso mehr reduzierte sich unsere Kommunikation auf die gespielte Freude beim Weidersehen. Die Eltern schmerzte
das. Uns Kindern war es egal. Und dann landeten auch wir dort, wo sie waren. Balkan hinter uns lassend, irgendwo im Westen: in Tirol, Wien, München, Köln, Paris, Berlin, Frederikswerk, Hilerod … viele Städte, wo wir waren und wo wir geblieben sind.

Jetzt von hier auf Balkan zurückblickend, vermischen sich die Träume unserer Kindheit mit den Träumen unserer Eltern und mit den Träumen eines sozialistischen Landes, das dazwischen prosperieren wollte – bis es dort, in seinem Riss gefangen, zerquetscht wurde. Träume von einem besseren Leben,
ohne zu begreifen, dass das bessere Leben eben dort auf dem Balkan war. In einem Großteil Jugoslawiens lebten die Menschen in den 60er und 70er Jahren besser als in Österreich. Diejenigen, die aber dort keinen Platz fanden, mussten weiterziehen, eben nach Deutschland. Weil Tito mit Willi Brandt den Vertrag unterzeichnet hatte, worin Jugoslawien auf die Reparationszahlungen von Deutschland (wegen der Verwüstungen und eineinhalb Millionen Toten im Zweiten
Weltkrieg) verzichtete, durften die Gastarbeiter nach Deutschland. Und eben auch nach Österreich. Weil dreißig Jahre vorher Ostmark ein Teil von Germania war.

Und jetzt ist dieser gesamte Balkan ein großes Protektorat geworden. Der Rad der Geschichte hat sich weiter gedreht. Jene, die in der Schule von Marx nichts hören wollten, entdecken heute, dass man ohne Das Kapital gelesen zu haben, gar nicht verstehen kann, was so vor sich geht. Und die anderen, die Marx dort unbedingt allen aufdrängen wollten, entdeckten schnell das Vokabular der „bürgerlichen Freiheit“, während sie fleißig das gesamte kollektive Eigentum der Balkanstaaten in bare Münze umwandelten.

Eines aber ist und bleibt ein Faktum. Es wurde gestohlen in Jugoslawien. Es gab Besser- und Schlechterstehende. Aber ein Gutstehender hatte eine, zwei, drei Wohnungen, Häuser usw. und möglicherweise als Direktor einer Fabrik einen Fahrer, der ihn zur Mittagessen nach Haue chouffierte. Ein Arbeiter hatte aber eine billige Wohnung oder die Möglichkeit, in absehbarer Zeit eine zu bekommen. Auf ein Auto wartete man ein paar Jahre, aber leistbar war es. Viele Arbeiter bauten sich zusätzlich so genannte Wikendhäuser – in Anlehnung an die russische Tradition der Datschas, Ferienhäuser. Und nicht so wenige hatten Wohnungen
oder Ferienhäuser an der Adriaküste. Die Kinder der Arbeiter mussten keineswegs Arbeiter werden.

Jetzt aber gibt es ein paar Milliardäre und eine überwiegende Mehrheit, die tagtäglich ums überleben kämpft. Und für die Kinder dieser Mehrheit erscheint es heute als die einzige die Möglichkeit, in Richtung Westen auszuwandern. Dort erwartet sie der schon reservierte Platz als Unterproletariat. In den nächsten Generationen werden die ArbeiterInnenkinder nur Arbeiterinnen und Arbeiter werden können.

Wieder einmal mussten die Menschen in der Geschichte lernen, dass die Freiheit ohne Gleichheit nur ein Freibrief für Raubtum bedeutet. Zu spät! Viele aber beginnen sich zu fragen, für wie lange zu spät?

(Bratić, Ljubomir (2006) Mein Balkan. In: Die Stimme, Nr. 61, Winter 2006, 4-5.)

Das Politische, die Konflikte …

Das politische Projekt, diese spezifische Form von Organisation und organisatorischer Tätigkeit, entsteht aus dem, was in einer gegebene Situation möglich zu tun und zu sagen ist. Das bedeutet, dass die politischen Urteile, Prozesse und Kämpfe alltäglich sind. Diese politische Modis fungieren nicht als Teil der Regierung und sind nicht Bestandteile der bestehenden Normalität. Das Politische entsteht dort wo die Normalität aufgehoben wird – jenseits der Verwaltung.

Das Politische beginnt auch dort, wo es Konflikte innerhalb bestimmter bestehender Prozesse, innerhalb der bestehenden Effekte und Effizienzen, auch innerhalb dessen was Staat genannt wird, gibt. Diese Konflikte, haben als Ziel die Erweiterung der Grundkonsens und sie können nicht mit Konfliktmanagement gelost werden.

Eine antinationale Position in diesem Kontext anzunehmen, heißt keineswegs den Staat negieren, sich jenseits dieser Gebilde zu phantasieren und dort behaupten, an einer Politik gegen den Staat zu arbeiten. Eine Aufgabe des Rahmens Staat bedeutet auch eine Aufgabe des Kampf- und Konfliktplatzes Staat und damit die Aufgabe des Interesses an einer für die Alltagsregulierung der Individuen relevanten Kampfebenen. Diese Forderung impliziert aber keineswegs, dass die Vergesellschaftungsform des nationalen Kollektivs nicht bekämpft werden soll.

Der Spalt zwischen dem moralischen und politischen Antirassismus

 

Die prinzipielle Einstellung des politischen Antirassismus, dass es sich im Rahmen der politischen Arbeit um die Macht, um die Durchsetzungsfähigkeit, um die strukturellen Verschiebungen, ums Empowerment usw. geht, hat sich während der letzten fünfzehn Jahre diskursiv durchaus als durchsetzungsfähig erwiesen. In den theoretischen Auseinandersetzungen geht es aber nicht um Menschen und deren reale Handlungen, sondern vielmehr um die Prinzipien, die hinter den Handlungen sich verstecken und diese anleiten. Gewisse Handlungen, die sich an den Prinzipien der Pathologisierung, der Individualisierung, der Pädagogisierung, der Kulturalisierung und der Lobbyarbeit orientiert haben, haben nicht zu den proklamierten Resultaten der Teilhabe geführt, sondern ganz umgekehrt, sie haben zur Vernebelung der tatsächlich stattfindenden Diskriminierungen geführt. Ein Beispiel: Es wird über die Toleranz und nicht über die Gleichheit disputiert. Diese beiden sozialen Momente, beide Techniken der Alltagsbewältigung, stehen aber miteinander in Konflikt, denn die Gleichen müssen sich ja nicht tolerieren. Mehr noch: In einer egalitäre Gesellschaft wäre die Toleranz als Begriff ein Nonsens.

Aus diesen Erkenntnissen ist die Gegenüberstellung vom politischen und moralischen Antirassismus zu verstehen. Dem politischen Antirassismus geht es vordergründig nicht um die Kopftücher, nicht um die Identitäten, nicht um die Nächstenliebe, nicht um die kulturellen oder sonstigen Bereicherungen, nicht einmal um das Couragierte der Individuen, sondern um die bedingungslose politische Teilhabe, um die weltweite Anerkennung der Faktizität der Migration, um die Schaffung eines für alle in der Gesellschaft Lebenden (ob Individuen oder Gruppen) Entfaltungs- und Perspektivraumes. Es geht, in letzter Konsequenz gedacht, um die gleichen Rechte für alle und dies überall. Dafür werden in theoretischer und praktischer Hinsicht auch die Instrumente wie (Self)Empowerment, Hinterfragung der Strukturen, Allianzbildung, Konfliktinszenierung, Selbsthistorisierung, usw. entwickelt.

Es geht dabei nicht um die Wertlosigkeit, nicht um die Amoralität, sondern um die anderen, an dem Prinzip des Politischen orientierten Werte. Moral ist insofern von Moralisierung zu unterscheiden. Moral zu haben, entlang einer bestimmten ethischen Position zu handeln, bedeutet, sich an gewissen festgelegten Prinzipien zu orientieren und entsprechend zu agieren. Das Adjektiv „moralisierend“ heißt wiederum, dass die Methoden und die Handlungen, die zur Realisierung dieser Prinzipien führen sollten, etwas faules beinhalten, nämlich die Tatsache, dass es mehr um die eigene Positionierung der einzelnen Akteure in der Öffentlichkeit ging und weniger um die viel konfliktreichere Überwindung der realen Diskriminierungen.

Es gab und gibt einen Konsens, dass die MigrantInnen ein Problem sind, und der moralisierende Zugang zu dem war und ist, dass dieses Problemfeld zu behandeln wäre. Umgekehrt geht der Diskurs des politischen Antirassismus davon aus, dass die Gesellschaft problematisch ist und eine antirassistische Arbeit nur eine Arbeit an der Veränderung der Gesellschaft bedeuten kann.

Ich unterstelle den moralisierend antirassistisch Handelnden nicht einen schlechten Willen, sondern die Teilhabe an einer stattgefundenen soziopolitischen Entwicklung, deren Ergebnisse sich der Forderung nach der Teilhabe seitens der MigrantInnen entgegen stellen. So ein Argument gegen die Teilhabe ist es z.B., dass die MigrantInnen zuerst erzogen werden und erst nachher zu anerkannten politischen Akteuren werden sollen. Das Bemerkenswerte an diesem Argument ist, dass es zuerst in den rechten Kreisen entwickelt wurde und mit der Zeit von allen an den staatlichen Entscheidungen Beteiligten übernommen wurde. Derzeit scheint genau dieser Umerziehungsdiskurs der Arbeit des Integrationsstaatsäkreters als Leitidee zu dienen. Die MigrantInnen werden da nicht als handelnde Akteure anerkannt, sondern als die Objekte der Projektionen der herrschenden Eliten. Es gibt eine Reihe solcher von der Positivität des Endzustands ausgehenden Argumentationsketten, deren Realitäten sich in einem Gegensatz zur proklamierten Zielsetzung befinden. Die Absprechung der Akteurinnenposition durch die Objektivierung der MigrantInnen in dem Prozess der Pädagogisierung steht in einem Gegensatz zu der proklamierten Absicht des Vorantreibens der Emanzipation der MigrantInnen. Da sind wir nicht mehr weit von der in polizeilichen Kreisen beliebten Argumentation, dass es, um die Bewahrung der Menschenrechte zu gewährleisten, ab und zu notwendig ist, diese abzusetzen.

Die Frage wer, wann und warum da das Recht hat, diesen Prozess in Gang zu setzen, scheint aus dieser Art der herrschaftlichen Argumentation ausgeklammert zu sein. Die MigrantInnen sind eben ein Teil der Gesellschaft und wenn etwas gegen die Ungleichheit in der Gesellschaft getan werden soll, dann kann sich dies nicht gegen sie richten, sondern gegen die Gesellschaft, gegen die institutionellen Zusammenhänge,  die bestimmten Menschen und Gruppen von Menschen bestimmte Positionen zuteilt.

Die Zurichtung der einzelnen Menschen steht in einer langen Tradition, deren hintergründige Absicht immer die Ausbeutung dieser Menschen gebildet hat. Insofern ist es nicht nur wichtig, handlungsfähig zu bleiben, sondern genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, ist es zu wissen, was diese Handlungen für wenn in der Gesellschaft bedeuten. D.h. eine Selbstreflexion der politischen Akteure ist genauso wichtig wie deren real stattfindende Aktivitäten. Manchmal ist es eben besser, nichts zu tun, als den Anderen für sich gratis kochen zu lassen und dann behaupten, dass man sich durch das gemeinsame Verzehren dieses Essens in kultureller Hinsicht näher kommt.

 

(Diese Beitrag ist die teilweise überarbeitete Antwort auf die folgende mir von Robert Sommer im Frühling 2011 für ein Augustin-Interview gestellte Frage: „Ist ein politischer Antirassismus ohne jede Spur von moralischem Antirassismus überhaupt möglich und vorstellbar? Wenn du die beiden so polar gegenüberstellst, trennst du da nicht Menschen, die sonst einander in ihrem Handeln sehr nahe stehen? Könnte es nicht sein, dass die Moral einen Menschen vor dem Resignieren bewahrt, der derzeit keine Chance sieht, politische Konflikte auf dem Feld der Antidiskriminierung zu gewinnen? Ist es nicht in erster Linie wichtig, handlungsfähig zu bleiben, egal aus welchem Stimulus – politisch, spirituell, moralisch, karitativ?“.)