Die Sprache als Ort der Demokratie

Innerhalb des Ortes der Demokratie nimmt die Sprache als Überzeugungstechnik strategisch die wichtigste Position ein. Umgekehrt können wir sagen, dass diese politische Funktion der Sprache erst mit diesem Ort und mit dem in Verbindung stehenden, mit dem Dispositiv, für uns besteht. Die Demokratie ermöglicht die strategische Funktion der Sprache, indem sie Raum schafft für deren weitere Entfaltung. Denn der Dispositiv beinhaltet die Politik als  Teilnahme Aller, die wiederum die Möglichkeit der Schaffung der unzähligen Techniken der Teilhabe impliziert. Die Geschichte der Erfindung, Strukturierung, Transformationen, Ambivalenzen, Durchsetzungen und Verblassungen dieser Techniken ist die Geschichte der Demokratie. Und sie ist nichts anderes als die Geschichte des Kampfes um die Optimierung dieser Teilnahme: Ein bis heute andauernder Dissens. Die Geschichte eines Konfliktes, der jedem – wenn er oder sie sich politisch betätigt – zur Notwendigkeit der Parteiergreifung als allerersten Imperativ bewegt. Die Parteiergreifung wiederum sagt, dass es mehrere „Parteien“ gibt, mehrere Möglichkeiten auf die die Entscheidung treffen kann. Ein Dissens beinhaltet einen Raum, im Sinne der sozialen Gefüge, für die Realisierung der Gleichheit jeder/s und eine für diesen Realisierungswillen notwendige Position der Freiheit, eine Freiheit zur Gleichheit und umgekehrt, eben „egaliberte“ wie Balibar es nennt. Die Verwendung der Sprache als Instrument der Überzeugung setzt also das Bestehen dieser Verzahnung zwischen sich gegenseitig aufstachelnden, teilweise realisierten, teilweise aber erst zu realisierenden Inhalten der Zusammenfügung des Begriffspaares Gleichheit und Freiheit voraus. Und dieser Realisierung ereignet sich zwischen den zwei grundsätzlichen Modi jedes Individuums, zwischen Einsamkeit und Kollektivität. In Rahmen dieses Dispositivs wird die Sprache, der Diskurs, zur bevorzugten Technik der Politik. Darum also die Wichtigkeit der Sprache. Das ist das Körnchen Wahrheit in der sonst so banal wirkenden Desinformationstechnik der Integration mittels Spracherlernung, die im heutigen Europa Konjunktur feiert.

Die Demokratie wird mit einer bestimmten Verwendung der Sprache identifiziert und wenn diese untersagt wird, dann ist sie selbst bedroht. Darum ist die aufgezwungene Schweigsamkeit einer so großen Gruppe, wie die Migrantinnen und Migranten sind, innerhalb jedes Systems das für sich behauptet, Demokratie zu sein, genau aus den demokratischen Gründen unzulässig.

Das ist die positive treibende Kraft des Pochens auf die Erlernung der Sprache seitens der Verwaltungssysteme in Europa. Dass diese Sprache eine Nationalsprache ist und somit auch eine bestimmte Hegemonie eine Bestätigung dadurch erfährt, ist eine andere Seite der Medaille. Das zeugt von der Möglichkeit einer strategischen Verwendung der Sprache zur Unterdrückung. Die Sprache ist ein Instrument, dessen Funktion der Überzeugung engstens mit dem soziopolitischen Zustand der Demokratie verbunden ist. Als Instrument kann sie aber auch andere Verwendungen finden, z.B. die der Technik, die Individuen unmündig zu machen. Auch deswegen ist es immer wichtig zu hinterfragen wer, was, wo, für wen und wie spricht.

Advertisements

Mein Balkan

Was fehlt mir zum Balkan ein? Partisanenfilme, Jugoslawien, Großeltern, Gastarbeiteroute, frühe Erinnerung an ein düsteres Bild des Belgrader Bahnhofs. Die Väter schwer bepackt mit Koffern. Die grimmigen österreichischen Zollbeamten. Erleichterung nach der Grenze. Das Fleisch und der Schnaps und all die Habseligkeiten durften wieder einmal geschmuggelt werden. Schlafen im klappernden Zug. Banhofstation Sanski Most. Warten. Gebackene Hühnchen, die an alle im Abteil Anwesenden verteilt werden. Haben wir nicht schon in die Schule gelernt, dass es am besten schmeckt, wenn mit allen geteilt wird? Männer, die Bier trinken. Polizei, die dort Milizei hieß. Was war das, dieses mein Balkan? Wessen Balkan?
Mit fehlt dazu noch ein grofler Hit von Azra ein, einer New-wawe-Band der 80er und 90er Jahre in Jugoslawien. Der Refrain geht so: „Balkan, Balkan, du mein Balkan, sei mir mächtig und halte dich aufrecht!“ Blicken wir zurück auf das Ende der 1970er Jahre. Der Punk kam zur uns. Wir bestellten unsere Platten aus den Katalogen direkt in London. Ja, die erste Platte von The Clash, die ich stolz in die Schule trug, um sie bei der großen Pause allen anderen zu zeigen. Die liegt noch immer irgendwo in meiner verstaubten Platensammlung. Dem vor drei Jahren verstorbenen Joe Strummer widmete der vor einem Jahr verstorbene Johnny Cash auf seiner letzten CD ein Lied. Die zwei hätten wir uns in den Spätsiebzigern nicht einmal im Traum zusammen denken können. Die Haare gebleicht mit Wasserstoffperoxyd und gestylt mit UHU-Kleber – der in Jugoslawien OHO hieß.

Erste Lieben. „Sex ist langweilig!“ Alle in der Gymnasium wollten studieren: Die Bauernkinder, die Arbeiterkinder, die Angestelltenkinder. Sie alle hatten noch Zukunft. Und auch viele Möglichkeiten, ein Stipendium zu bekommen. Es fällt mir ein, dass wir viel gelacht hatten und trotzdem so taten, als ob wir auf nichts Bock hätten. „No future!“ war die von Johnny Rotten ausgegebene Parole. Wir lasen Nietzsche und Sartre. In der Schule war Marxismus angesagt. Aber wer interessierte sich denn für Marx? Marx und Engels – das waren die Denkmäler in den Büros der Polizisten. Und mit Polizisten hatten wir keine Friedenspfeife
geraucht. Wir sprühten die Öffentlichen Wände, und sie schlugen auf uns dort, wo sie uns erwischten. Aber wir waren deren Kinder, und sie waren unsere Väter.
Ein Teil davon. Denn der andere Teil der Väter hatte sich schon, bevor wir in die Schule kamen, in Richtung Westen verabschiedet. Ich meine nicht die Generation, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Nazikollaborateure in Richtung Westen verabschiedete. Um von dort aus Jahrzehnte lang an der Zerschlagung Jugoslawiens zu wirken – was ihnen zuletzt auch gelang. Ich meine unsere Väter, die im Nachkriegsjugoslawien aufgewachsen waren und im arbeitsfähigen Alter plötzlich entdeckten, dass es in einem sozialistischen Land, wo es offiziell keine Arbeitslosen geben dürfte, kein Arbeit für sie gab.

Mir fehlen noch die heute groflteils vergessenen Namen von Lumumba, Sukarno, Nkruman, Nasser … Namen der vielen Anführer der blockfreien Bewegung. „Dritte Welt“. Tito, der im „Sutjeska“, einem der meistgeliebten Partisanenfilmschinken, am
Anfang einer lange Kolonne von Kämpfern und Kämpferinnen und auf einem weiflen Pferd aus dem Nebel erscheint. Mir fallen die Studenten und Studentinnen der „brüderlichen Völker“ aus Afrika uns Asien ein, die in jugoslawischen Universitätszentren studierten. Später in Österreich, als ich als Flüchtlingsbetreuer arbeitete, traf ich einen Arzt, der aus Ägypten zum Studieren gekommen und in Sarajevo geblieben war. Dort hatte er geheiratet und war während der Belagerung von Sarajevo nach Österreich geflohen. Als Jugoslawe, als Bosnier, als Ägypter – als was hätte ich ihn die Kartei aufnehmen sollen? Als Überbleibsel einer verlorenen Welt, wie er mir versicherte. Es gibt uns nicht mehr, sagte er zu mir, aber es gab uns. Und das genügt, um ein Teil der Geschichte zu bleiben.

Es gab eine Welt des Fortschrittsglaubens, des angedachten besseren Wegs zwischen den Betonblöcken der zwei Supermächte, an deren Präsidenten ich mich jetzt nicht so leicht erinnern kann. Es gab diese Welt, und es gab sie wiederum nicht. Denn wir waren alle in einer Richtung fixiert. Wir kannten die Zustände in Rumänien, in Bulgarien und in der Sowjetunion. Viele fuhren dorthin, um für ein Paar Jeans sich wochenlang bedienen zu lassen. Wir, ein Teil des Balkans, den immer die Anderen, der Westen – wie Maria Todorova es präzise gezeigt hat -, nach ihrem Gutdünken definierten, also wir blickten stramm in Richtung Westen. Ein Westen, der uns von Popmagazinen vermittelt wurde und auch von den Eltern, die immer wieder mit Koffern, voll bepackt mit Bananen, „nach Hause“ kamen. Je länger sie dort blieben, umso mehr reduzierte sich unsere Kommunikation auf die gespielte Freude beim Weidersehen. Die Eltern schmerzte
das. Uns Kindern war es egal. Und dann landeten auch wir dort, wo sie waren. Balkan hinter uns lassend, irgendwo im Westen: in Tirol, Wien, München, Köln, Paris, Berlin, Frederikswerk, Hilerod … viele Städte, wo wir waren und wo wir geblieben sind.

Jetzt von hier auf Balkan zurückblickend, vermischen sich die Träume unserer Kindheit mit den Träumen unserer Eltern und mit den Träumen eines sozialistischen Landes, das dazwischen prosperieren wollte – bis es dort, in seinem Riss gefangen, zerquetscht wurde. Träume von einem besseren Leben,
ohne zu begreifen, dass das bessere Leben eben dort auf dem Balkan war. In einem Großteil Jugoslawiens lebten die Menschen in den 60er und 70er Jahren besser als in Österreich. Diejenigen, die aber dort keinen Platz fanden, mussten weiterziehen, eben nach Deutschland. Weil Tito mit Willi Brandt den Vertrag unterzeichnet hatte, worin Jugoslawien auf die Reparationszahlungen von Deutschland (wegen der Verwüstungen und eineinhalb Millionen Toten im Zweiten
Weltkrieg) verzichtete, durften die Gastarbeiter nach Deutschland. Und eben auch nach Österreich. Weil dreißig Jahre vorher Ostmark ein Teil von Germania war.

Und jetzt ist dieser gesamte Balkan ein großes Protektorat geworden. Der Rad der Geschichte hat sich weiter gedreht. Jene, die in der Schule von Marx nichts hören wollten, entdecken heute, dass man ohne Das Kapital gelesen zu haben, gar nicht verstehen kann, was so vor sich geht. Und die anderen, die Marx dort unbedingt allen aufdrängen wollten, entdeckten schnell das Vokabular der „bürgerlichen Freiheit“, während sie fleißig das gesamte kollektive Eigentum der Balkanstaaten in bare Münze umwandelten.

Eines aber ist und bleibt ein Faktum. Es wurde gestohlen in Jugoslawien. Es gab Besser- und Schlechterstehende. Aber ein Gutstehender hatte eine, zwei, drei Wohnungen, Häuser usw. und möglicherweise als Direktor einer Fabrik einen Fahrer, der ihn zur Mittagessen nach Haue chouffierte. Ein Arbeiter hatte aber eine billige Wohnung oder die Möglichkeit, in absehbarer Zeit eine zu bekommen. Auf ein Auto wartete man ein paar Jahre, aber leistbar war es. Viele Arbeiter bauten sich zusätzlich so genannte Wikendhäuser – in Anlehnung an die russische Tradition der Datschas, Ferienhäuser. Und nicht so wenige hatten Wohnungen
oder Ferienhäuser an der Adriaküste. Die Kinder der Arbeiter mussten keineswegs Arbeiter werden.

Jetzt aber gibt es ein paar Milliardäre und eine überwiegende Mehrheit, die tagtäglich ums überleben kämpft. Und für die Kinder dieser Mehrheit erscheint es heute als die einzige die Möglichkeit, in Richtung Westen auszuwandern. Dort erwartet sie der schon reservierte Platz als Unterproletariat. In den nächsten Generationen werden die ArbeiterInnenkinder nur Arbeiterinnen und Arbeiter werden können.

Wieder einmal mussten die Menschen in der Geschichte lernen, dass die Freiheit ohne Gleichheit nur ein Freibrief für Raubtum bedeutet. Zu spät! Viele aber beginnen sich zu fragen, für wie lange zu spät?

(Bratić, Ljubomir (2006) Mein Balkan. In: Die Stimme, Nr. 61, Winter 2006, 4-5.)

Die Eschersche Schleife der Integration

MigrantIn ist in dem Integrationsdiskurs immer eine Gestalt des Mangels. Es fehlt da in dieser Figur, in diesem Mann, in dieser Frau, in diesem Kind etwas, etwas, was dazu führen kann, dass sie scheitern und dass sie nie das erreichen, was sonst alle anderen, die Mehrheitsangehörigen, erreichen können. Integration ist der Name für diese Zuschreibung des Mangels. Eine Zuschreibung, die wahr ist, denn sie kommt nicht von einzelnen Menschen (auch da wissen wir, dass die Zuschreibungen wirksam werden, wenn sie von den Autoritätspersonen getätigt werden), sondern von einer ganzen Struktur, die eigentlich das ist, was den Nationalstaat ausmacht. Es ist die Vorgangsweise des ideologischen Staatsapparates. Integration ist das lachende Gesicht eines Polizeieinsatzes. In dieser Hinsicht kann durchaus gesagt werden, dass es sich um eine bisher erfolgreiche taktische Vorgangsweise handelt. Es geht erstens um die Verdeckung der Realität, es geht zweitens um die Tradierung eines Ungerechtigkeitssystems, und das dritte ist – eigentlich das, was die Sache ausmacht, – die Einschreibung des Mangels.  Insgesamt kann gesagt werden, dass es um die Produktion von sich selbst in sich als mangelnden Wesen glaubenden Menschen geht. Das Perfide dabei ist, dass es aus diesem System keinen Ausweg gibt: Diejenigen, die zu integrieren sind, und das sind alle MigrantInnen, mehr noch, es sind alle diejenigen, die in dem System des Nationalstaates die Funktion der Minderheiten zugeschrieben bekommen (in manchen Wiener Schulen machen sie sogar 80 Prozent der SchülerInnen aus) werden nie integriert sein. Aus einem einfachen Grund: Das System kennt das Ende der Gleichung nicht. Es ist eine Taktik, die nicht einen Sieg am Ende der Schlacht kennt, sondern eine, die diejenigen, auf die sie sich bezieht, auf die sie zielt, in eine in die Unendlichkeit laufende Maßnahmenschleife schließt. So laufen sie, die Minderheiten, in dieser Escherschen Schleife in der Unendlichkeit herum, und noch dazu werden sie als undankbar verschmäht. Das alles ist Integration, so wie dieser Begriff heute von den staatlichen und parastaatlichen Institutionen, den NGOs, verwendet wird.

Namen und Nationen

Namensgebung ist eine spezifische an den Nationalstaat und die Nation gebundene Praxis, die in einer engen Verbindung zur Konzentration der Macht steht. So wie es unmöglich ist sich zu vorstellen, dass es zwei gleichnamige Nationalstaaten gibt, so ist es im Rahmen der Nationalstaaten unmöglich, die nicht schriftlich kodifizierten Namen, solche, die einen als Angehörigen von einer bestimmten Nation aufweisen, als endgültig gesellschaftsfähig zu erklären.
Eine Tendenz dem gegenüber gibt es mit den Kurznamen oder Nadimci (Spitznamen, Kosenamen), die mit der Zeit so wie die Namen bestehen, gewissermaßen den Platz der Namen einnehmen. Neulich meldete die montenegrinische Tageszeitung „Vijesti“, dass es in Montenegro ein Dorf gibt, in dem es seit Generationen die Kommunikation nur durch solche Benennungen funktioniert. Die Menschen kennen sich untereinander nur unter solchen ihnen vom Kollektiv hergegebenen Bezeichnungen. Ich kenne Menschen seit meiner frühesten Kindheit, die für mich immer einen bestimmten Namen gehabt haben, nun aber, wenn ich mit ihnen ihren Pensionsantrag ausfüllte, muss ich feststellen, dass sie ganz anders heißen. Ein Name, der nie in meiner Gegenwart verwendet wurde, und eigentlich „in dem Buche“, wie mir die betreffende Person erklärte, so steht. Plötzlich stellt sich heraus, dass „Guca“ in schriftlicher Form „Dara“ heißt und keiner weiß, warum sie gerade „Guca“ genannt wurde. Neulich auch erzählte mir ein Bekannter, dass er einmal Schwierigkeiten am Flughafen mit einem Freund gehabt hat: Er hat die Flugtickets reserviert und dabei den Namen Aleksandar, den er seit je kannte, als denjenigen seines Freundes angegeben. Nun stellte sich am Flughafen heraus, dass der Freund gar nicht Aleksandar sondern Zlato (Gold) hieß. Ein Name, den niemand von seinen Freunden als seinen gekannt hat. Die Erklärung dazu: Angeblich hat sein Vater so sehr Gold geliebt und begehrt, dass er seinen Sohn Gold genannt hat. Und der Sohn schämt sich sein ganzes Leben, diesen Namen in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie mussten jedenfalls ein anderes Ticket mit dem „richtigen“ Namen kaufen. Die Verwaltung kennt keinen anderen Namen als den, der in persönlichen Dokumenten von anderen Verwaltungen eingetragen wurde. Die Verwaltung erkennt nur die Verwaltung, nicht aber die Person dahinter, den Namensträger, als eine Machtinstanz an. Nicht zufällig wurden mit den Roma-Verordnungen von Maria Theresia und Joseph II den Roma streng verboten, andere als die Taufnahmen zu verwenden.

Während des Krieges in Jugoslawien wurde ich jahrelang gefragt, woher ich komme. Ich antwortete immer zuerst aus Jugoslawien. Da meine Gesprächspartner, obwohl sie oft nicht zu den unhöflichsten Gruppen in der Gesellschaft gehörten, aber meistens weiter insistierten woher genau, sagte ich immer aus Serbien. Damit war es klar über welche Themen wir reden werden. Da war eben nicht mehr genug, einen Yugo-Namen zu verorten, wie üblich in den vergangenen Jahrzehnten bis dahin, sondern es bestand ein Bedarf nach mehr Informationen, nach denen die darauf folgende Gesprächssituation in die richtige Richtung gelenkt werden sollte. Dass dadurch vielen Menschen – wie mir übrigens auch – mittels Schaffung ideologischer Korsette, mit denen sie zumeist nicht einverstanden waren, ein Unrecht angetan wurde, wurde in Kauf genommen. Es gehörte sozusagen zu der Normalität der Nationalstaaten, dass es andere Nationalstaaten gibt und die Menschen, die herum laufen müssen, eben zu einem dieser Orte der Verwaltung angehören: Diese Annahme wurde regelmäßig von meinen Gesprächspartnern selbstverständlich gesetzt. All diese Menschen, die solch unbewusste psychologische Gewaltakte betreiben, würden sich nie als Nationalisten betrachten. Trotzdem gehen sie von einem durch und durch nationalistischen Gesamtbild aus, nämlich dem, dass unsere Welt aus Nationen besteht und dass alle Menschen bedingungslos einer solchen Struktur gehören müssen. Hätte ich sie weiter informiert, dass ich zu einer Minderheit gehöre usw., wäre das nichts anderes als eine Bestätigung für ihre mir aufoktroyierte Wirklichkeit, dafür eben, dass es Nationen, Ethnien, Mehrheiten und Minderheiten im Rahmen der bestehenden Verwaltungsorte usw. gibt.

Das Machtvolle an dieser Erzählweise ist das, dass es aus so einem Gespräch keinen kommunikativen Ausweg gibt, es gibt keine Möglichkeit, einem so insistierendem Gegenüber auf der gleichen Ebene entgegenzutreten und zu behaupten, dass es keine Nationen gibt, denn das würde in seinem Weltbild nur heißen, dass es sich um eine antinationale Position handelt, also eine Position, deren Herkunft die Reaktion auf die nationale Gedanken wäre. Es lässt sich da ein Vergleich mit Theismus und Atheismus ziehen. Denn Atheismus ist immer etwas gegen Theismus. Nun aber, während es heutzutage durchaus möglich ist, eine Position der Gottlosigkeit, – sich jenseits der Diskussion um die Existenz Gottes mit dem Argument der Bedeutungslosigkeit solcher Art von Disputen – einzunehmen, ist es institutionell, strukturell nicht möglich, eine antinationale Position einzunehmen. Es ist unmöglich, individuell zu behaupten, staatenlos, eben ortlos im Sinne der bestehenden Weltordnung zu sein. Gleichzeitig kann die Verwaltung einen ausstoßen: Es existiert, wie wir wissen und womit sich Hannah Arendt eingehend beschäftigt hat, die Figur der Staatenlosen. Diese scheint mir aber mehr ein Effekt der bestehenden Verwaltungsmaßnahmen, vergleichbar der früheren kirchlichen Exkommunikation, zu sein. Der Diskurs des Staatenlosigkeit beinhaltet eine Position der Bestrafung und nicht einer der Autonomiegebung. Somit ist einfach eine andere Art, eine negative Art von Bindung an die bestehenden Verwaltungsstrukturen markiert. Die antinationale Position des Individuums wird immer in Hinblick auf die vorher stehende nationale Position gedeutet und verstanden.
Dieses Beharren auf der eigenen Nation erfolgte in diesem Kontext indirekt, indem mir und den anderen Migrantinnen aus Jugoslawien auch eine nationale Zugehörigkeit unterstellt wurde. Denn es war für diejenigen, die mich fragten, klar, dass sie irgendwo hingehörten, dass sie ein „Wir“ bildeten, das sich von dem „Wir“ unterschied, dem meine Zugehörigkeit unterstellt wurde. Die Nation erscheint da nicht nur als ein „Wir“, sondern es bedeutet vor allem auch ein unbedingtes Verlangen, dass sie, die Anderen, eindeutig „sind“. Eine schwache Konstitution des anderen Seins in Hinblick auf die eigene starke Position der bestimmbaren Instanz. Die Frage, die sich solche Fragenden stellen, ist: Wie ist es möglich zu sein, ohne zu einem „Wir“ zu gehören, und da in ihrer unmittelbar vorhandenen Welt so etwas unmöglich ist, nehmen sie klarerweise an, dass auch ich – nolens volens – einem solchen „Wir“ zugehöre. Einem „Wir“, das ein Territorium woanders eingezäunt hat – weil ich durch die Fremdengesetzgebung gar nicht dazu, wo sie hingehören, gehören dürfte.
Das wäre ein weiteres Merkmal der Nationalisten: Die Überzeugung, dass dieses „Wir“, dem sie zugehören, an ein Territorium gebunden ist. Das ist dann die Heimat. Meine Gesprächspartner gehörten fast durchgehend zu der Sorte, die sich von diesem Wort aufgrund seines nationalsozialistischen Missbrauchs distanzierte, aber sie taten in ihren diskursiven Auftritten und durch den für sie so selbstverständlichen Versuch, eine Kommunikation im nationalistischen Diskurs herzustellen, nichts anderes, als genau diese postnationalsozialistische Heimat zu bestätigen. Eine Heimat, die ein „Wir“ beinhaltet, eine, die ein „Wir sind“ und „Wir werden immer sein“ beinhaltet, und die an ein Territorium, auf dem Sie zu bestimmen legitimiert sind, gebunden ist.