„LIMBUS“: damals und heute

Borislav Pekić war ein bürgerlicher Schriftsteller aus Jugoslawien, der längere Zeit in England im Exil verbracht hat. Unter anderem schrieb er für BBC wöchentlich einen Kommentar zwecks Bekanntmachung von Englands Lebensart. Sein Zielpublikum waren diejenigen, die aus Jugoslawien auf der Insel gelandet sind. Am 25.04.1989 widmete er sich der eigenen Position als Fremder in England. In dem Zusammenhang schreibt er davon, wie er eine “größere” Gruppe von jungen Leuten aus Jugoslawien getroffen hat und was er sich dabei gedacht hat. Der Ton, den er aufschlägt, ist – für diese Art und Schicht von Schriftsteller bin ich geneigt zu sagen: wohlbehüteter Tränenvergießer – der in damaligen Jugoslawien übliche weinerlich melancholische. Wo anderes übersiedelt zu sein, wo anderes zu leben und wo anderes zur Artikulation zu gelangen war die Tragik par exellence für diese jugoslawische Subkultur.

Pekić sieht das Schicksal der jungen Leute als eines der Reservearbeitskraft, auch dann, wenn sich dies natürlich auf der hoch qualifizierten Ebene abspielt. Er findet, dass die Schuld dafür, dass diese Menschen ohne berufliche Affirmation ihr gut situiertes Dasein in England verbringen werden, bei dem Staat Jugoslawien liegt. Folgendes sagt er zur Politik Jugoslawiens dabei: “Nenaplativa odgovornost za tako stanje leži na vladajućem jugoslovenskom poretku. Uprkos enormnim inostranim zajmovima I takođe enormnoj nepovratnoj finansijskoj pomoći, on nije bio kadar da svom narodu u njegovoj zemlji obezbedi odgovarajući rad I snošljiv život, nego je širenjem demokratskih sloboda tumačio prinudan proces u kome je taj narod poslao da nasušni hleb potraži u tuđini. I još je zadovoljan bio kad je iz tog rada, tog kuluka za druge, iz tog limba za kulučare, mogao izvlačiti koristi za sebe.” (S15)  Pekić beschuldigt hier das jugoslawische System: Dieses System, das Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist, war nicht fähig, gut zu wirtschaften, und hat die Menschen ins Ausland geschickt, damit sie im LIMBUS ihr Leben verbringen müssen. Und dieser Staat hat daraus auch Nutzen gehabt.

Vor kurzem sprach ich mit einer siebzigjährigen Frau darüber, wie das in Österreich damals bei Titos Tod war. Sie erzählte mir, dass sie damals in den Räumlichkeiten der Arbeiterkammer in Wattens in Tirol war und dort ferngesehen hat. Anfang der 1980er hatten nicht alle Fernsehen und  die Arbeietrkammer hat ihnen, den „Gastarbeiter“ aus Jugoslawien, diesen Raum zur Verfügung gestellt. Sie hat gemeinsam mit ihrer Freundin damals auch Blumen gekauft und dorthin gebracht. Dann sagte sie: „Und jetzt denke ich aber anders darüber. Der hat uns vernichtet.“ Mich überraschte diese Aussage und ich fragte nach. Sie sagte mir weiter: „Er hat uns geschickt, für die dort zu arbeiten“. Tito, der früher, während die erste Generation noch in den Ländern war, wo sie gelandet sind, dafür gefeiert wurde, weil er die Grenzen geöffnet hat und weil der jugoslawische Pass einer der wertvollsten am Schwarzmarkt war, wird von dieser gleichen Generation jetzt, vielleicht weil sie sich nur teilweise ihre Lebensvorstellungen erfüllt haben, dafür verantwortlich gemacht. Die gleiche Figur dient nach wie vor für die individuellen Projektionen. Was sich dabei ändert, ist die Richtung der Zeit. Während die Erste Generation MigrantInnen früher, egal wie mühselig aber doch die Zukunft vor sich hatten und dankbar dafür waren, haben diese gleichen Menschen jetzt nur noch die Vergangenheit für sich. Diese Zeitausrichtung führt zur Negativität. Das passiert just in dem Moment, in dem die große Mehrheit der Menschen, die auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien leben, der Meinung sind, dass es damals in Jugoslawien um einiges besser war. Nun aber das ist die Mehrheit, die in Jugoslawien geblieben ist. Die Gastarbeiter gehörten damals zu den Minderheiten und gehören auch heute – in vielfacher Hinsicht – dazu. Die grundsätzliche nationalstaatliche dualistische Aufteilung in Minderheiten und Mehrheiten erfolgt nicht nur entlang der ethnischen Linien, sondern auch entlang der Linie des Arbeits- und Wohnortes und auch entlang der Linien der Spaltungen innerhalb der Klasse.

Borislav Pekić war einer der Gründer der Demokratischen Partei Serbiens, die später die so genannte „Transition“ in Serbien einleitete. Während dieses Prozesses ereignet sich bis heute ein beispielloser Raubzug an dem kollektiven Vermögen und die totale  Deindustrialisierung Serbiens. Pekić hatte also damals in England mit seinen Kommentaren beim BBC nicht nur die arbeitsuchende, gut qualifizierte junge Jugoslawen in England mit England bekannt gemacht, sondern gleichzeitig auch diejenigen, die gerade dabei waren, Jugoslawien zu zerstören, weil sie gegen das sozialistische System waren, mit Argumenten versorgt. Diese Argumente wirken weiterhin gerade bei denen, denen es in neuem System, dank Alterspensionen, die sie aus dem Westen beziehen, noch am besten geht. 

Wenn wir Migration und Wahrnehmung davon verstehen wollen, müssen wir vielen dieser Erklärungs- und Diskurswege langsam und vorsichtig nachgehen.

p.s. Ich kann das nicht unerwähnt lassen: Wie viele Menschen haben die Territorien der neuentstandenen Gebiete seit es Jugoslawien nicht mehr gibt verlassen? Die Zahlen sprechen für sich und sie zeigen uns dass es sich um vielfaches von den Früheren handelt. Aus Jugoslawien dürften die Menschen ausreisen, hatten dabei den Status „Arbeiter die sich vorübergehend in Ausland befinden“ in Rahmen eines institutionellen staatlichen Zusammenhang der sich – zumindest (aber eigentlich nicht nur) was die offiziellen Verlautbarungen betrifft – sich um sie, vor allem in sozialen Hinsicht, kümmerte. In den neu entstandenen Gebiete wird von „Diaspora“ geredet und dieses Begriff beinhaltet nur eins: Sie, die draußen sind, sollen ohne jegliche, außer natürlich symbolischer, Unterstützung unsererseits zurechtkommen.

Literatur: Borislav Pekić: Poslednja pisma iz tuđine. Dereta, Begrad, 1991.

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