Historisierung als Strategie

Als Historisierung oder Geschichtswerdung wird eine Strategie des Verwandelns der hegemonialen Erzählungen bezeichnet. Diese Verwandlung oder Veränderung bringt insofern eine Neuerung mit sich, als ein anderer Blick auf die Geschichte möglich wird, und dadurch eine andere Gestaltung der Gegenwart – und somit auch ein anderer Traum von der Zukunft. Historisierung als Strategie kann somit auch eine politische Funktion haben.

Aktualisierung der Gleichheit: Das Politische ist, Jacques Ranciéré folgend, ein Prozess, in dem es um Aktualisierung des Gleichheitsprinzips geht. Vorangetrieben werden kann diese Aktualisierung nur in einem Dissens. Dabei stehen sich zwei Gruppen symbolisch und real gegenüber: Einerseits diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, die auf die Erhaltung des Bestehenden pochen (und dafür entsprechende Techniken entwickeln), und andererseits diejenigen, die an diesem verallgemeinerten Konsens keinen Teil haben und bestrebt sind, Techniken zu entwickeln, um die Teilhabe voranzutreiben. Die Aktualisierung der Gleichheit, eines universellen Prinzips, erfolgt durch die partikularen Bestrebungen nach der Teilnahme an der Gemeinschaft. Um diese Aktualisierung – und somit auch eine gewisse Veränderung des Herrschenden – voranzutreiben oder überhaupt auf die Normalität der Verhältnisse eine Blickmöglichkeit zu bekommen, kommt es zu einem Prozess der Subjektbildung, zur Herausbildung eines Kollektivs, das überhaupt imstande ist, für sich einen bestimmten Teil der Gesellschaft einzufordern. Die Historisierung als Strategie bekommt ihre Bedeutung genau in diesem Punkt der Subjektbildung. Und zwar in mehreren Hinsichten. Als notwendige Voraussetzung davon, indem die reale Notwendigkeit der Veränderung in eine Tradition hineingetragen wird. Dies geschieht, um einem politischen Subjekt, das nach einer Veränderung des Bestehenden trachtet, also auf Zukunft orientiert ist, ein Bewusstsein der vergangenen Dauerhaftigkeit zu vermitteln. Eine Dauerhaftigkeit, die eben durch diesen Prozess eine Fortsetzung finden soll.

Es handelt sich dabei – in Managementsprache gesprochen – um eine Technik zur Hervorbringung und auch zur Stärkung des politisch Subjekts, um eine Selbststärkungstechnik der Gruppe. Eine individuelle politische Historisierung gibt es nicht.

Dieser Prozess ist in erster Linie nicht ein Geschichtsschreibungsprozess, sondern ein Subjektivierungsprozess und kann wie alle Techniken der Selbstobjektivierung als Missbrauch oder als Eigenstärkung betrachtet werden, je nach der Perspektive, die von Betrachtenden eingenommen wird.

Parteilichkeit als Charakteristikum: Somit kommen wir zu einem zentralen Charakteristikum des Prozesses der Historisierung als Strategie, nämlich der Parteilichkeit. Es ist ein Prozess, der mehr im Rahmen der Geschichtspolitik einen Platz hat und kaum im universitären Bereich der offiziellen Geschichtsschreibung zu finden ist. Seine Funktion für die offizielle Geschichtsschreibung besteht einerseits in der Aufdeckung der Themenbereiche, über die geforscht werden kann, und andererseits – und da beginnt es für die offizielle Geschichte brenzlig zu werden – in der Forderung nach Teilnahme der Subjekte an der Forschung. Die Teilnahme an diesem Definitionsorgan der Gesellschaft wird mittels Delegitimierung vorangetrieben. Den „ExpertInnen“ wird die Macht, die sie sich angeeignet haben, einfach abgesprochen, indem ihnen auch Parteilichkeit für die Herrschaft zugesprochen wird. Die Herrschaft ist immer bestrebt, ihren Durchsetzungserfolg mittels ihrer Mechanismen zu verbergen und sich zu vergrößern. Insofern stellt die Objektivität der ExpertInnen nichts anderes als eine Neutralitätsbehauptung dar. „Neutralität für wen?“ ist dabei eine unentbehrliche Frage. Auch ExpertInnen sind Teil der Gesellschaft und somit auch ein Teil der Herrschaftsstrukturen. Um ihre Stimme hörbar und argumentativ wahrnehmbar zu machen, müssen sie sich die bestehenden Techniken der Legitimation ihrer Position innerhalb dieser Gesellschaft angeeignet haben. Auch die ExpertInnen müssen ihren „Staatsbürgerschaftstest“ bestanden haben. Sie sind nicht außerhalb der herrschenden Teile der Gesellschaft, sondern ganz im Gegenteil deren Bestandteil und real betrachtet auch eine ihrer Stützen. Es ist keineswegs zufällig, dass die Geschichte, die wir kennen, bis heute die Geschichte der Nationalstaaten ist. Sie wird von denen geschrieben, die von diesen Nationalstaaten bezahlt werden. Und da spielt die in Österreich viel beschworene Zugehörigkeit zu einer Interessensvertretung keine Rolle.

Teilnahme als Ziel der Historisierung: Wie schon gesagt kann die Historisierung als politische Strategie Effekte in diesem Feld hervorrufen. Das Hauptziel der Historisierung ist aber in Richtung des sich selber Wissen aneignenden Subjekts gerichtet. Zweck dieser Gerichtetheit ist die Teilnahme, die zu einer Neupositionierung in der Gesellschaft führen soll.

Die Historisierung als politische Strategie sagt immer mehr über die jeweilige Zeit und über die Gruppe, die sie hervorruft – und sich möglicherweise erst durch diesen Vorgang strukturiert – aus als über die Vergangenheit. Diese Art der Geschichtsauslegung bezieht sich auf die Gegenwart, und das in Bezug auf kollektive Geschichte. Sie hat einen Sinn, und zwar die Veränderung des Bestehenden.

Die politischen Subjekte, wenn sie sich ihrer soziopolitischen Lage bewusst werden, entwickeln ein anderes Verhältnis zur Vergangenheit. Dazu ist ist noch zu sagen, dass die Einbeziehung anderer, bisher verdeckter Ereignisse und Geschichten in die eigene kollektive Geschichte einen anderen Begriff von Vergangenheit, von den Vorgängen in dieser Vergangenheit, impliziert. Es handelt sich um die Aneignung der Vergangenheit, um die politische Position des/r Sperchers/in unverrückbarer zu machen. Dabei kann es sich keineswegs um die Analogien zwischen jetzt und damals handeln, zu Vieles ist dazwischen passiert, um irgendwelche Parallelitäten herstellen zu können. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Es geht letztlich um ein freies Verhältnis zur Vergangenheit – freies Verhältnis zur Vergangenheit, um die Freiheit und die Gleichheit, die Egaliberté, in der Gesellschaft voranzutreiben.

Die Sprache als Ort der Demokratie

Innerhalb des Ortes der Demokratie nimmt die Sprache als Überzeugungstechnik strategisch die wichtigste Position ein. Umgekehrt können wir sagen, dass diese politische Funktion der Sprache erst mit diesem Ort und mit dem in Verbindung stehenden, mit dem Dispositiv, für uns besteht. Die Demokratie ermöglicht die strategische Funktion der Sprache, indem sie Raum schafft für deren weitere Entfaltung. Denn der Dispositiv beinhaltet die Politik als  Teilnahme Aller, die wiederum die Möglichkeit der Schaffung der unzähligen Techniken der Teilhabe impliziert. Die Geschichte der Erfindung, Strukturierung, Transformationen, Ambivalenzen, Durchsetzungen und Verblassungen dieser Techniken ist die Geschichte der Demokratie. Und sie ist nichts anderes als die Geschichte des Kampfes um die Optimierung dieser Teilnahme: Ein bis heute andauernder Dissens. Die Geschichte eines Konfliktes, der jedem – wenn er oder sie sich politisch betätigt – zur Notwendigkeit der Parteiergreifung als allerersten Imperativ bewegt. Die Parteiergreifung wiederum sagt, dass es mehrere „Parteien“ gibt, mehrere Möglichkeiten auf die die Entscheidung treffen kann. Ein Dissens beinhaltet einen Raum, im Sinne der sozialen Gefüge, für die Realisierung der Gleichheit jeder/s und eine für diesen Realisierungswillen notwendige Position der Freiheit, eine Freiheit zur Gleichheit und umgekehrt, eben „egaliberte“ wie Balibar es nennt. Die Verwendung der Sprache als Instrument der Überzeugung setzt also das Bestehen dieser Verzahnung zwischen sich gegenseitig aufstachelnden, teilweise realisierten, teilweise aber erst zu realisierenden Inhalten der Zusammenfügung des Begriffspaares Gleichheit und Freiheit voraus. Und dieser Realisierung ereignet sich zwischen den zwei grundsätzlichen Modi jedes Individuums, zwischen Einsamkeit und Kollektivität. In Rahmen dieses Dispositivs wird die Sprache, der Diskurs, zur bevorzugten Technik der Politik. Darum also die Wichtigkeit der Sprache. Das ist das Körnchen Wahrheit in der sonst so banal wirkenden Desinformationstechnik der Integration mittels Spracherlernung, die im heutigen Europa Konjunktur feiert.

Die Demokratie wird mit einer bestimmten Verwendung der Sprache identifiziert und wenn diese untersagt wird, dann ist sie selbst bedroht. Darum ist die aufgezwungene Schweigsamkeit einer so großen Gruppe, wie die Migrantinnen und Migranten sind, innerhalb jedes Systems das für sich behauptet, Demokratie zu sein, genau aus den demokratischen Gründen unzulässig.

Das ist die positive treibende Kraft des Pochens auf die Erlernung der Sprache seitens der Verwaltungssysteme in Europa. Dass diese Sprache eine Nationalsprache ist und somit auch eine bestimmte Hegemonie eine Bestätigung dadurch erfährt, ist eine andere Seite der Medaille. Das zeugt von der Möglichkeit einer strategischen Verwendung der Sprache zur Unterdrückung. Die Sprache ist ein Instrument, dessen Funktion der Überzeugung engstens mit dem soziopolitischen Zustand der Demokratie verbunden ist. Als Instrument kann sie aber auch andere Verwendungen finden, z.B. die der Technik, die Individuen unmündig zu machen. Auch deswegen ist es immer wichtig zu hinterfragen wer, was, wo, für wen und wie spricht.