Ad Migrationsforschung(en)

 

 

Am 04.02.2013 schickte mir Andrea Poschmaier einige Fragen per E-Mail. Ich denke, meine Antworten könnten von allgemeinerem Interesse sein.

 

A.P.: Migrationsforschung ist in Österreich nicht sehr institutionalisiert. Es gibt nur wenige Stellen, die sich wissenschaftlich ausschließlich mit Migration beschäftigen. Sehen Sie das als  Vorteil oder Nachteil für die Migrationsforschung? Macht das die Finanzierung von Migrationsforschung schwieriger?

 

Lj.B.: Wir sprechen hier nicht über Migrationsforschung, sondern über Migrationsforschungen. Der Plural ist nicht deswegen wichtig, weil es sich hier um die Arbeit von Individualist/innen  handelt – obwohl das natürlich auch der Fall sein kann -, sondern weil es einen Unterschied macht, wer in wessen Auftrag und mit welchem Ziel forscht. Wir befinden uns auf dem Terrain der Sozialwissenschaften und diese sind per definitionem nicht neutral. Deswegen nicht, weil sie mit Menschen, oder besser ausgedrückt, mit deren Handlungen zu tun haben… und diese Handlungen erfolgen aus bestimmten gesellschaftlichen Positionierungen – aus der Position der Herrschenden oder der Beherrschten. Sozialwissenschaft ist ein Bereich der menschlichen Tätigkeit, eine Arbeit am Wissen, bei der eine Entscheidung getroffen werden muss, und zwar eine, die sich aus der Antwort auf die Frage „Wofür stehe ICH im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang?“ ergibt. Die Migrationsforschungen als Teil der sozialen Theorien produzieren somit, um Bourdieu zu zitieren, „Programme der Wahrnehmung“ die einen starken Einfluss auf die Realität haben,  wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Jede/r Wissenschaftler/in im Bereich des Sozialen, also der strukturellen Zusammenhänge unserer Gesellschaft, trifft diese Entscheidung. Die Differenz zwischen verschiedenen Wissenschaftler/innen besteht nur darin, ob sie diese Entscheidung reflektiert haben oder nicht, und auch darin, ob sie diese Entscheidung öffentlich machen oder für sich behalten.

Zur Frage der Institutionalisierung: Ich bin nicht sicher, wie die am besten zu beantworten wäre. Gewissermaßen hat sich die kritische Migrationsforschung am Rande oder auch außerhalb der institutionellen Zusammenhänge entwickelt. Die Position „außerhalb“ bringt Freiheit aber auch notwendigerweise Diskontinuität mit sich. So lässt sich heute behaupten, dass wir eine diskontinuierliche kritische Migrationsforschung in Österreich haben, deren Beginn zeitlich in den früheren 1980er Jahren zu verorten ist. Dieser Beginn ist z.B. für mich persönlich mit der kleinen Studie über die chilenischen Flüchtlinge von John Patillo Hess sehr verbunden. Zu betonen wäre aber, dass es keine historischen Untersuchungen darüber gibt, wann welche Studie von wem in wessen Auftrag mit welchem Inhalt erstellt wurde. Dies wäre m. E. für ein Verständnis der gegenwärtigen Situation,notwendig.

Andererseits gibt es selbstverständlich auch die Migrationsforschung im Dienst der Ordnungsmacht. Diese Art, sich zu positionieren, charakterisiert eine Mehrzahl der Forscher/innen, die sich in der Öffentlichkeit als Meinungsmacher/innen inszenieren. Das sind Menschen, die ihr Wissen an systemische Zusammenhänge verkaufen, die offizielle Diskriminierung vorantreiben. Auch dieses Feld ist durch Diskontinuität gekennzeichnet, denn auch in diesem Geschäft wird nur nach Bedarf gekauft.

Nun zur Frage der institutionellen Gebundenheit, ob das von Vorteil oder von Nachteil ist. Die Finanzierung der Forschung wird in jedem Fall schwieriger, wenn die ForscherInnen nicht an eine Institutionen gebunden sind. Es geht aber nicht nur um die Finanzierung der ForscherInnen, sondern vor allem um Kontinuitäten, denn Migration ist ein Phänomen, das nur mit einer kontinuierlichen Forschung auf mehreren Ebenen zu erschließen wäre. Wissenschaftlich gesehen sind punktuelle große Forschungsschwerpunkte, wie z.B. der Fremdenfeindlichkeitsschwerpunkt Mitte der 1990er Jahre, wenig ertragreich, wenn die Ergebnisse nicht weiter „verfolgt“, d.h. reflektiert, angezweifelt, verifiziert, falsifiziert usw. werden. (Bis jetzt wurden Verfahren des Austausches zwischen ForscherInnen zur gegenseitigen argumentativen Bestätigung oder Infragestellung nicht einmal öffentlich angedacht, geschweige denn, dass sie von irgendjemandem verfolgt würden) So gesehen ist es ein Nachteil, wenn Institutionen mit diesem Themenschwerpunkt am Werk sind.

Und noch etwas: Es ist kein Zufall, dass die Institutionen einen verschwindenden Anteil an Forscherinnen aufweisen, die nicht der Mehrheitsbevölkerung zuzuordnen wären. Ich denke, dass es sich um einen Teil der herrschenden diskriminatorischen Praxis in einem rassistisch strukturierten Feld namens Nationalstaat handelt.

Kritische Migrationsforschung wird seitens der nationalstaatlichen Institutionen keineswegs erwünscht,  geschweige denn gefördert und gefordert. Soll eine solche Forschung, die es bisher nur in Ansätzen gibt, weiter entwickelt werden, dann wäre es die erste Aufgabe, die Sozialwissenschaften vollständig aus dem staatlichen Einfluss, aus dem Einfluss der Interessensvertretungen und auch aus dem Einfluss der Meinungsmacher zu entreissen und so unabhängige Institutionen zu schaffen. Ich sehe aber die Realisierungsmöglichkeiten eines solchen radikalen Unterfangens in den gegenwärtigen Verhältnissen, zumindest was Österreich betrifft, nicht gegeben. Darum sind die ForscherInnen „am Rande“ diejenige Instanz, die gegenwärtig eine an die Realität gebundene Forschung leisten,  weil sie in keinem leicht beeinflussbaren Dienst -Verhältnis stehen und damit ihr Verhalten kein Dienst am System ist.

 

A.P.: Wie interpretieren Sie das Verhältnis von Politik und Migrationsforschung? Besteht Abhängigkeit? Ignoriert die Politik Ergebnisse der Migrationsforschung, oder erstellt sie ihre Maßnahmen auf Basis der durch Forschung gewonnenen Erkenntnisse? Oder ist Migrationsforschung ein Feigenblatt um die politischen Maßnahmen hinterher zu rechtfertigen? Können Sie mir Beispiele nennen?

 

Lj.B.: Das Verhältnis von Politik und Migration ist negativ zu bewerten. Die Interessen der Verwaltung, darunter würde ich gegenwärtig alles subsumieren, was „Politik“ genannt wird, und diejenigen der Sozialwissenschaft sind verschieden, in manchen Punkten handelt es sich um kontradiktorische Vorgänge. Während die einen sich um den Erhalt des Bestehenden bemühen (manchmal auch in Form von Veränderungen, die dazu dienen, dass alles beim Gleichen bleibt), geht es in den kritischen Sozialwissenschaften darum, die Realität so zu zeigen wie sie ist. Dieses Bild der Realität ist allerdings eines, das aufgrund diverser menschenrechtlicher und sonstiger Wertvorstellungen und -praxen, zwangsläufig nach einer Veränderung ruft. Gerade dadurch wird aber die Arbeit der Verwaltung, in deren Zuständigkeit die Herstellung der Ordnung fällt, die im Alltag Realität schafft, in Frage gestellt.

In einem Obrigkeitsstaat, der durch  strikte rassistische Trennungsmechanismen funktioniert, die MigrantInnen in Österreich tagtäglich erleben, vermeidet man und frau klare Analysen. Denn diese könnten zu Widerstand auf der Grundlage der offiziell deklarierten demokratischen Prinzipien von Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit führen. Durch solche Analyseverfahren und Formen der Wissensansammlung und deren unmittelbare Praxisauswirkungen könnten die Verwaltung und die meisten sogenannten PolitikerInnen als das erscheinen, was sie gegenwärtig tatsächlich sind, nämlich als eine Instanz, die sich der Demokratisierung der Gesellschaft in den Weg stellt. Die Gründe dafür wären noch genau zu erforschen. Jedenfalls: Die Demokratie, die repräsentative Demokratie im Rahmen von nationalstaatlich organisierten Gesellschaften, bringt eine Verwaltung hervor, die mit der Zeit die Demokratie, die demokratischen Prinzipien der Gesellschaften, in Frage stellt. Ich denke, Demokratie wird am meisten durch diejenigen gefährdet, die Tag und Nacht behaupten, die Heiligtümer des Systems zu schützen.

Neulich behauptete ein Vertreter der Exekutive unwidersprochen, dass es manchmal notwendig sei, die Menschenrechte außer Kraft zu setzen, um sie zu schützen.  Gibt es eine gefährlichere Aussage für eine demokratische Gesellschaft als diese?

Die Verwaltung jedenfalls braucht die Migrationsforschung oder besser gesagt nur ihre Ergebnisse dann, wenn diese sich in die Ordnung der Dinge einfügen oder unmittelbar als Bestandteil dieser Ordnung fungieren. Wir wissen aber auch, dass die Entwicklung eines bestimmten Wissens, egal wie ordnungsrelevant dieses ist, mit der Zeit auch widerständiges Wissen hervorbringt, spätestens dann, wenn die Legitimität der ForscherInnen (als ForscherInnen) aufgrund ihrer Dienste für die Macht bezweifelt wird –  von anderen aber auch von ihnen selbst, wenn auch nicht in der Öffentlichkeit. Auch diese Zeit zeigt sich langsam am Horizont.