Mein Balkan

Was fehlt mir zum Balkan ein? Partisanenfilme, Jugoslawien, Großeltern, Gastarbeiteroute, frühe Erinnerung an ein düsteres Bild des Belgrader Bahnhofs. Die Väter schwer bepackt mit Koffern. Die grimmigen österreichischen Zollbeamten. Erleichterung nach der Grenze. Das Fleisch und der Schnaps und all die Habseligkeiten durften wieder einmal geschmuggelt werden. Schlafen im klappernden Zug. Banhofstation Sanski Most. Warten. Gebackene Hühnchen, die an alle im Abteil Anwesenden verteilt werden. Haben wir nicht schon in die Schule gelernt, dass es am besten schmeckt, wenn mit allen geteilt wird? Männer, die Bier trinken. Polizei, die dort Milizei hieß. Was war das, dieses mein Balkan? Wessen Balkan?
Mit fehlt dazu noch ein grofler Hit von Azra ein, einer New-wawe-Band der 80er und 90er Jahre in Jugoslawien. Der Refrain geht so: „Balkan, Balkan, du mein Balkan, sei mir mächtig und halte dich aufrecht!“ Blicken wir zurück auf das Ende der 1970er Jahre. Der Punk kam zur uns. Wir bestellten unsere Platten aus den Katalogen direkt in London. Ja, die erste Platte von The Clash, die ich stolz in die Schule trug, um sie bei der großen Pause allen anderen zu zeigen. Die liegt noch immer irgendwo in meiner verstaubten Platensammlung. Dem vor drei Jahren verstorbenen Joe Strummer widmete der vor einem Jahr verstorbene Johnny Cash auf seiner letzten CD ein Lied. Die zwei hätten wir uns in den Spätsiebzigern nicht einmal im Traum zusammen denken können. Die Haare gebleicht mit Wasserstoffperoxyd und gestylt mit UHU-Kleber – der in Jugoslawien OHO hieß.

Erste Lieben. „Sex ist langweilig!“ Alle in der Gymnasium wollten studieren: Die Bauernkinder, die Arbeiterkinder, die Angestelltenkinder. Sie alle hatten noch Zukunft. Und auch viele Möglichkeiten, ein Stipendium zu bekommen. Es fällt mir ein, dass wir viel gelacht hatten und trotzdem so taten, als ob wir auf nichts Bock hätten. „No future!“ war die von Johnny Rotten ausgegebene Parole. Wir lasen Nietzsche und Sartre. In der Schule war Marxismus angesagt. Aber wer interessierte sich denn für Marx? Marx und Engels – das waren die Denkmäler in den Büros der Polizisten. Und mit Polizisten hatten wir keine Friedenspfeife
geraucht. Wir sprühten die Öffentlichen Wände, und sie schlugen auf uns dort, wo sie uns erwischten. Aber wir waren deren Kinder, und sie waren unsere Väter.
Ein Teil davon. Denn der andere Teil der Väter hatte sich schon, bevor wir in die Schule kamen, in Richtung Westen verabschiedet. Ich meine nicht die Generation, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Nazikollaborateure in Richtung Westen verabschiedete. Um von dort aus Jahrzehnte lang an der Zerschlagung Jugoslawiens zu wirken – was ihnen zuletzt auch gelang. Ich meine unsere Väter, die im Nachkriegsjugoslawien aufgewachsen waren und im arbeitsfähigen Alter plötzlich entdeckten, dass es in einem sozialistischen Land, wo es offiziell keine Arbeitslosen geben dürfte, kein Arbeit für sie gab.

Mir fehlen noch die heute groflteils vergessenen Namen von Lumumba, Sukarno, Nkruman, Nasser … Namen der vielen Anführer der blockfreien Bewegung. „Dritte Welt“. Tito, der im „Sutjeska“, einem der meistgeliebten Partisanenfilmschinken, am
Anfang einer lange Kolonne von Kämpfern und Kämpferinnen und auf einem weiflen Pferd aus dem Nebel erscheint. Mir fallen die Studenten und Studentinnen der „brüderlichen Völker“ aus Afrika uns Asien ein, die in jugoslawischen Universitätszentren studierten. Später in Österreich, als ich als Flüchtlingsbetreuer arbeitete, traf ich einen Arzt, der aus Ägypten zum Studieren gekommen und in Sarajevo geblieben war. Dort hatte er geheiratet und war während der Belagerung von Sarajevo nach Österreich geflohen. Als Jugoslawe, als Bosnier, als Ägypter – als was hätte ich ihn die Kartei aufnehmen sollen? Als Überbleibsel einer verlorenen Welt, wie er mir versicherte. Es gibt uns nicht mehr, sagte er zu mir, aber es gab uns. Und das genügt, um ein Teil der Geschichte zu bleiben.

Es gab eine Welt des Fortschrittsglaubens, des angedachten besseren Wegs zwischen den Betonblöcken der zwei Supermächte, an deren Präsidenten ich mich jetzt nicht so leicht erinnern kann. Es gab diese Welt, und es gab sie wiederum nicht. Denn wir waren alle in einer Richtung fixiert. Wir kannten die Zustände in Rumänien, in Bulgarien und in der Sowjetunion. Viele fuhren dorthin, um für ein Paar Jeans sich wochenlang bedienen zu lassen. Wir, ein Teil des Balkans, den immer die Anderen, der Westen – wie Maria Todorova es präzise gezeigt hat -, nach ihrem Gutdünken definierten, also wir blickten stramm in Richtung Westen. Ein Westen, der uns von Popmagazinen vermittelt wurde und auch von den Eltern, die immer wieder mit Koffern, voll bepackt mit Bananen, „nach Hause“ kamen. Je länger sie dort blieben, umso mehr reduzierte sich unsere Kommunikation auf die gespielte Freude beim Weidersehen. Die Eltern schmerzte
das. Uns Kindern war es egal. Und dann landeten auch wir dort, wo sie waren. Balkan hinter uns lassend, irgendwo im Westen: in Tirol, Wien, München, Köln, Paris, Berlin, Frederikswerk, Hilerod … viele Städte, wo wir waren und wo wir geblieben sind.

Jetzt von hier auf Balkan zurückblickend, vermischen sich die Träume unserer Kindheit mit den Träumen unserer Eltern und mit den Träumen eines sozialistischen Landes, das dazwischen prosperieren wollte – bis es dort, in seinem Riss gefangen, zerquetscht wurde. Träume von einem besseren Leben,
ohne zu begreifen, dass das bessere Leben eben dort auf dem Balkan war. In einem Großteil Jugoslawiens lebten die Menschen in den 60er und 70er Jahren besser als in Österreich. Diejenigen, die aber dort keinen Platz fanden, mussten weiterziehen, eben nach Deutschland. Weil Tito mit Willi Brandt den Vertrag unterzeichnet hatte, worin Jugoslawien auf die Reparationszahlungen von Deutschland (wegen der Verwüstungen und eineinhalb Millionen Toten im Zweiten
Weltkrieg) verzichtete, durften die Gastarbeiter nach Deutschland. Und eben auch nach Österreich. Weil dreißig Jahre vorher Ostmark ein Teil von Germania war.

Und jetzt ist dieser gesamte Balkan ein großes Protektorat geworden. Der Rad der Geschichte hat sich weiter gedreht. Jene, die in der Schule von Marx nichts hören wollten, entdecken heute, dass man ohne Das Kapital gelesen zu haben, gar nicht verstehen kann, was so vor sich geht. Und die anderen, die Marx dort unbedingt allen aufdrängen wollten, entdeckten schnell das Vokabular der „bürgerlichen Freiheit“, während sie fleißig das gesamte kollektive Eigentum der Balkanstaaten in bare Münze umwandelten.

Eines aber ist und bleibt ein Faktum. Es wurde gestohlen in Jugoslawien. Es gab Besser- und Schlechterstehende. Aber ein Gutstehender hatte eine, zwei, drei Wohnungen, Häuser usw. und möglicherweise als Direktor einer Fabrik einen Fahrer, der ihn zur Mittagessen nach Haue chouffierte. Ein Arbeiter hatte aber eine billige Wohnung oder die Möglichkeit, in absehbarer Zeit eine zu bekommen. Auf ein Auto wartete man ein paar Jahre, aber leistbar war es. Viele Arbeiter bauten sich zusätzlich so genannte Wikendhäuser – in Anlehnung an die russische Tradition der Datschas, Ferienhäuser. Und nicht so wenige hatten Wohnungen
oder Ferienhäuser an der Adriaküste. Die Kinder der Arbeiter mussten keineswegs Arbeiter werden.

Jetzt aber gibt es ein paar Milliardäre und eine überwiegende Mehrheit, die tagtäglich ums überleben kämpft. Und für die Kinder dieser Mehrheit erscheint es heute als die einzige die Möglichkeit, in Richtung Westen auszuwandern. Dort erwartet sie der schon reservierte Platz als Unterproletariat. In den nächsten Generationen werden die ArbeiterInnenkinder nur Arbeiterinnen und Arbeiter werden können.

Wieder einmal mussten die Menschen in der Geschichte lernen, dass die Freiheit ohne Gleichheit nur ein Freibrief für Raubtum bedeutet. Zu spät! Viele aber beginnen sich zu fragen, für wie lange zu spät?

(Bratić, Ljubomir (2006) Mein Balkan. In: Die Stimme, Nr. 61, Winter 2006, 4-5.)

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