Der Spalt zwischen dem moralischen und politischen Antirassismus

 

Die prinzipielle Einstellung des politischen Antirassismus, dass es sich im Rahmen der politischen Arbeit um die Macht, um die Durchsetzungsfähigkeit, um die strukturellen Verschiebungen, ums Empowerment usw. geht, hat sich während der letzten fünfzehn Jahre diskursiv durchaus als durchsetzungsfähig erwiesen. In den theoretischen Auseinandersetzungen geht es aber nicht um Menschen und deren reale Handlungen, sondern vielmehr um die Prinzipien, die hinter den Handlungen sich verstecken und diese anleiten. Gewisse Handlungen, die sich an den Prinzipien der Pathologisierung, der Individualisierung, der Pädagogisierung, der Kulturalisierung und der Lobbyarbeit orientiert haben, haben nicht zu den proklamierten Resultaten der Teilhabe geführt, sondern ganz umgekehrt, sie haben zur Vernebelung der tatsächlich stattfindenden Diskriminierungen geführt. Ein Beispiel: Es wird über die Toleranz und nicht über die Gleichheit disputiert. Diese beiden sozialen Momente, beide Techniken der Alltagsbewältigung, stehen aber miteinander in Konflikt, denn die Gleichen müssen sich ja nicht tolerieren. Mehr noch: In einer egalitäre Gesellschaft wäre die Toleranz als Begriff ein Nonsens.

Aus diesen Erkenntnissen ist die Gegenüberstellung vom politischen und moralischen Antirassismus zu verstehen. Dem politischen Antirassismus geht es vordergründig nicht um die Kopftücher, nicht um die Identitäten, nicht um die Nächstenliebe, nicht um die kulturellen oder sonstigen Bereicherungen, nicht einmal um das Couragierte der Individuen, sondern um die bedingungslose politische Teilhabe, um die weltweite Anerkennung der Faktizität der Migration, um die Schaffung eines für alle in der Gesellschaft Lebenden (ob Individuen oder Gruppen) Entfaltungs- und Perspektivraumes. Es geht, in letzter Konsequenz gedacht, um die gleichen Rechte für alle und dies überall. Dafür werden in theoretischer und praktischer Hinsicht auch die Instrumente wie (Self)Empowerment, Hinterfragung der Strukturen, Allianzbildung, Konfliktinszenierung, Selbsthistorisierung, usw. entwickelt.

Es geht dabei nicht um die Wertlosigkeit, nicht um die Amoralität, sondern um die anderen, an dem Prinzip des Politischen orientierten Werte. Moral ist insofern von Moralisierung zu unterscheiden. Moral zu haben, entlang einer bestimmten ethischen Position zu handeln, bedeutet, sich an gewissen festgelegten Prinzipien zu orientieren und entsprechend zu agieren. Das Adjektiv „moralisierend“ heißt wiederum, dass die Methoden und die Handlungen, die zur Realisierung dieser Prinzipien führen sollten, etwas faules beinhalten, nämlich die Tatsache, dass es mehr um die eigene Positionierung der einzelnen Akteure in der Öffentlichkeit ging und weniger um die viel konfliktreichere Überwindung der realen Diskriminierungen.

Es gab und gibt einen Konsens, dass die MigrantInnen ein Problem sind, und der moralisierende Zugang zu dem war und ist, dass dieses Problemfeld zu behandeln wäre. Umgekehrt geht der Diskurs des politischen Antirassismus davon aus, dass die Gesellschaft problematisch ist und eine antirassistische Arbeit nur eine Arbeit an der Veränderung der Gesellschaft bedeuten kann.

Ich unterstelle den moralisierend antirassistisch Handelnden nicht einen schlechten Willen, sondern die Teilhabe an einer stattgefundenen soziopolitischen Entwicklung, deren Ergebnisse sich der Forderung nach der Teilhabe seitens der MigrantInnen entgegen stellen. So ein Argument gegen die Teilhabe ist es z.B., dass die MigrantInnen zuerst erzogen werden und erst nachher zu anerkannten politischen Akteuren werden sollen. Das Bemerkenswerte an diesem Argument ist, dass es zuerst in den rechten Kreisen entwickelt wurde und mit der Zeit von allen an den staatlichen Entscheidungen Beteiligten übernommen wurde. Derzeit scheint genau dieser Umerziehungsdiskurs der Arbeit des Integrationsstaatsäkreters als Leitidee zu dienen. Die MigrantInnen werden da nicht als handelnde Akteure anerkannt, sondern als die Objekte der Projektionen der herrschenden Eliten. Es gibt eine Reihe solcher von der Positivität des Endzustands ausgehenden Argumentationsketten, deren Realitäten sich in einem Gegensatz zur proklamierten Zielsetzung befinden. Die Absprechung der Akteurinnenposition durch die Objektivierung der MigrantInnen in dem Prozess der Pädagogisierung steht in einem Gegensatz zu der proklamierten Absicht des Vorantreibens der Emanzipation der MigrantInnen. Da sind wir nicht mehr weit von der in polizeilichen Kreisen beliebten Argumentation, dass es, um die Bewahrung der Menschenrechte zu gewährleisten, ab und zu notwendig ist, diese abzusetzen.

Die Frage wer, wann und warum da das Recht hat, diesen Prozess in Gang zu setzen, scheint aus dieser Art der herrschaftlichen Argumentation ausgeklammert zu sein. Die MigrantInnen sind eben ein Teil der Gesellschaft und wenn etwas gegen die Ungleichheit in der Gesellschaft getan werden soll, dann kann sich dies nicht gegen sie richten, sondern gegen die Gesellschaft, gegen die institutionellen Zusammenhänge,  die bestimmten Menschen und Gruppen von Menschen bestimmte Positionen zuteilt.

Die Zurichtung der einzelnen Menschen steht in einer langen Tradition, deren hintergründige Absicht immer die Ausbeutung dieser Menschen gebildet hat. Insofern ist es nicht nur wichtig, handlungsfähig zu bleiben, sondern genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, ist es zu wissen, was diese Handlungen für wenn in der Gesellschaft bedeuten. D.h. eine Selbstreflexion der politischen Akteure ist genauso wichtig wie deren real stattfindende Aktivitäten. Manchmal ist es eben besser, nichts zu tun, als den Anderen für sich gratis kochen zu lassen und dann behaupten, dass man sich durch das gemeinsame Verzehren dieses Essens in kultureller Hinsicht näher kommt.

 

(Diese Beitrag ist die teilweise überarbeitete Antwort auf die folgende mir von Robert Sommer im Frühling 2011 für ein Augustin-Interview gestellte Frage: „Ist ein politischer Antirassismus ohne jede Spur von moralischem Antirassismus überhaupt möglich und vorstellbar? Wenn du die beiden so polar gegenüberstellst, trennst du da nicht Menschen, die sonst einander in ihrem Handeln sehr nahe stehen? Könnte es nicht sein, dass die Moral einen Menschen vor dem Resignieren bewahrt, der derzeit keine Chance sieht, politische Konflikte auf dem Feld der Antidiskriminierung zu gewinnen? Ist es nicht in erster Linie wichtig, handlungsfähig zu bleiben, egal aus welchem Stimulus – politisch, spirituell, moralisch, karitativ?“.)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s