Mein Balkan

Was fehlt mir zum Balkan ein? Partisanenfilme, Jugoslawien, Großeltern, Gastarbeiteroute, frühe Erinnerung an ein düsteres Bild des Belgrader Bahnhofs. Die Väter schwer bepackt mit Koffern. Die grimmigen österreichischen Zollbeamten. Erleichterung nach der Grenze. Das Fleisch und der Schnaps und all die Habseligkeiten durften wieder einmal geschmuggelt werden. Schlafen im klappernden Zug. Banhofstation Sanski Most. Warten. Gebackene Hühnchen, die an alle im Abteil Anwesenden verteilt werden. Haben wir nicht schon in die Schule gelernt, dass es am besten schmeckt, wenn mit allen geteilt wird? Männer, die Bier trinken. Polizei, die dort Milizei hieß. Was war das, dieses mein Balkan? Wessen Balkan?
Mit fehlt dazu noch ein grofler Hit von Azra ein, einer New-wawe-Band der 80er und 90er Jahre in Jugoslawien. Der Refrain geht so: „Balkan, Balkan, du mein Balkan, sei mir mächtig und halte dich aufrecht!“ Blicken wir zurück auf das Ende der 1970er Jahre. Der Punk kam zur uns. Wir bestellten unsere Platten aus den Katalogen direkt in London. Ja, die erste Platte von The Clash, die ich stolz in die Schule trug, um sie bei der großen Pause allen anderen zu zeigen. Die liegt noch immer irgendwo in meiner verstaubten Platensammlung. Dem vor drei Jahren verstorbenen Joe Strummer widmete der vor einem Jahr verstorbene Johnny Cash auf seiner letzten CD ein Lied. Die zwei hätten wir uns in den Spätsiebzigern nicht einmal im Traum zusammen denken können. Die Haare gebleicht mit Wasserstoffperoxyd und gestylt mit UHU-Kleber – der in Jugoslawien OHO hieß.

Erste Lieben. „Sex ist langweilig!“ Alle in der Gymnasium wollten studieren: Die Bauernkinder, die Arbeiterkinder, die Angestelltenkinder. Sie alle hatten noch Zukunft. Und auch viele Möglichkeiten, ein Stipendium zu bekommen. Es fällt mir ein, dass wir viel gelacht hatten und trotzdem so taten, als ob wir auf nichts Bock hätten. „No future!“ war die von Johnny Rotten ausgegebene Parole. Wir lasen Nietzsche und Sartre. In der Schule war Marxismus angesagt. Aber wer interessierte sich denn für Marx? Marx und Engels – das waren die Denkmäler in den Büros der Polizisten. Und mit Polizisten hatten wir keine Friedenspfeife
geraucht. Wir sprühten die Öffentlichen Wände, und sie schlugen auf uns dort, wo sie uns erwischten. Aber wir waren deren Kinder, und sie waren unsere Väter.
Ein Teil davon. Denn der andere Teil der Väter hatte sich schon, bevor wir in die Schule kamen, in Richtung Westen verabschiedet. Ich meine nicht die Generation, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Nazikollaborateure in Richtung Westen verabschiedete. Um von dort aus Jahrzehnte lang an der Zerschlagung Jugoslawiens zu wirken – was ihnen zuletzt auch gelang. Ich meine unsere Väter, die im Nachkriegsjugoslawien aufgewachsen waren und im arbeitsfähigen Alter plötzlich entdeckten, dass es in einem sozialistischen Land, wo es offiziell keine Arbeitslosen geben dürfte, kein Arbeit für sie gab.

Mir fehlen noch die heute groflteils vergessenen Namen von Lumumba, Sukarno, Nkruman, Nasser … Namen der vielen Anführer der blockfreien Bewegung. „Dritte Welt“. Tito, der im „Sutjeska“, einem der meistgeliebten Partisanenfilmschinken, am
Anfang einer lange Kolonne von Kämpfern und Kämpferinnen und auf einem weiflen Pferd aus dem Nebel erscheint. Mir fallen die Studenten und Studentinnen der „brüderlichen Völker“ aus Afrika uns Asien ein, die in jugoslawischen Universitätszentren studierten. Später in Österreich, als ich als Flüchtlingsbetreuer arbeitete, traf ich einen Arzt, der aus Ägypten zum Studieren gekommen und in Sarajevo geblieben war. Dort hatte er geheiratet und war während der Belagerung von Sarajevo nach Österreich geflohen. Als Jugoslawe, als Bosnier, als Ägypter – als was hätte ich ihn die Kartei aufnehmen sollen? Als Überbleibsel einer verlorenen Welt, wie er mir versicherte. Es gibt uns nicht mehr, sagte er zu mir, aber es gab uns. Und das genügt, um ein Teil der Geschichte zu bleiben.

Es gab eine Welt des Fortschrittsglaubens, des angedachten besseren Wegs zwischen den Betonblöcken der zwei Supermächte, an deren Präsidenten ich mich jetzt nicht so leicht erinnern kann. Es gab diese Welt, und es gab sie wiederum nicht. Denn wir waren alle in einer Richtung fixiert. Wir kannten die Zustände in Rumänien, in Bulgarien und in der Sowjetunion. Viele fuhren dorthin, um für ein Paar Jeans sich wochenlang bedienen zu lassen. Wir, ein Teil des Balkans, den immer die Anderen, der Westen – wie Maria Todorova es präzise gezeigt hat -, nach ihrem Gutdünken definierten, also wir blickten stramm in Richtung Westen. Ein Westen, der uns von Popmagazinen vermittelt wurde und auch von den Eltern, die immer wieder mit Koffern, voll bepackt mit Bananen, „nach Hause“ kamen. Je länger sie dort blieben, umso mehr reduzierte sich unsere Kommunikation auf die gespielte Freude beim Weidersehen. Die Eltern schmerzte
das. Uns Kindern war es egal. Und dann landeten auch wir dort, wo sie waren. Balkan hinter uns lassend, irgendwo im Westen: in Tirol, Wien, München, Köln, Paris, Berlin, Frederikswerk, Hilerod … viele Städte, wo wir waren und wo wir geblieben sind.

Jetzt von hier auf Balkan zurückblickend, vermischen sich die Träume unserer Kindheit mit den Träumen unserer Eltern und mit den Träumen eines sozialistischen Landes, das dazwischen prosperieren wollte – bis es dort, in seinem Riss gefangen, zerquetscht wurde. Träume von einem besseren Leben,
ohne zu begreifen, dass das bessere Leben eben dort auf dem Balkan war. In einem Großteil Jugoslawiens lebten die Menschen in den 60er und 70er Jahren besser als in Österreich. Diejenigen, die aber dort keinen Platz fanden, mussten weiterziehen, eben nach Deutschland. Weil Tito mit Willi Brandt den Vertrag unterzeichnet hatte, worin Jugoslawien auf die Reparationszahlungen von Deutschland (wegen der Verwüstungen und eineinhalb Millionen Toten im Zweiten
Weltkrieg) verzichtete, durften die Gastarbeiter nach Deutschland. Und eben auch nach Österreich. Weil dreißig Jahre vorher Ostmark ein Teil von Germania war.

Und jetzt ist dieser gesamte Balkan ein großes Protektorat geworden. Der Rad der Geschichte hat sich weiter gedreht. Jene, die in der Schule von Marx nichts hören wollten, entdecken heute, dass man ohne Das Kapital gelesen zu haben, gar nicht verstehen kann, was so vor sich geht. Und die anderen, die Marx dort unbedingt allen aufdrängen wollten, entdeckten schnell das Vokabular der „bürgerlichen Freiheit“, während sie fleißig das gesamte kollektive Eigentum der Balkanstaaten in bare Münze umwandelten.

Eines aber ist und bleibt ein Faktum. Es wurde gestohlen in Jugoslawien. Es gab Besser- und Schlechterstehende. Aber ein Gutstehender hatte eine, zwei, drei Wohnungen, Häuser usw. und möglicherweise als Direktor einer Fabrik einen Fahrer, der ihn zur Mittagessen nach Haue chouffierte. Ein Arbeiter hatte aber eine billige Wohnung oder die Möglichkeit, in absehbarer Zeit eine zu bekommen. Auf ein Auto wartete man ein paar Jahre, aber leistbar war es. Viele Arbeiter bauten sich zusätzlich so genannte Wikendhäuser – in Anlehnung an die russische Tradition der Datschas, Ferienhäuser. Und nicht so wenige hatten Wohnungen
oder Ferienhäuser an der Adriaküste. Die Kinder der Arbeiter mussten keineswegs Arbeiter werden.

Jetzt aber gibt es ein paar Milliardäre und eine überwiegende Mehrheit, die tagtäglich ums überleben kämpft. Und für die Kinder dieser Mehrheit erscheint es heute als die einzige die Möglichkeit, in Richtung Westen auszuwandern. Dort erwartet sie der schon reservierte Platz als Unterproletariat. In den nächsten Generationen werden die ArbeiterInnenkinder nur Arbeiterinnen und Arbeiter werden können.

Wieder einmal mussten die Menschen in der Geschichte lernen, dass die Freiheit ohne Gleichheit nur ein Freibrief für Raubtum bedeutet. Zu spät! Viele aber beginnen sich zu fragen, für wie lange zu spät?

(Bratić, Ljubomir (2006) Mein Balkan. In: Die Stimme, Nr. 61, Winter 2006, 4-5.)

Das Politische, die Konflikte …

Das politische Projekt, diese spezifische Form von Organisation und organisatorischer Tätigkeit, entsteht aus dem, was in einer gegebene Situation möglich zu tun und zu sagen ist. Das bedeutet, dass die politischen Urteile, Prozesse und Kämpfe alltäglich sind. Diese politische Modis fungieren nicht als Teil der Regierung und sind nicht Bestandteile der bestehenden Normalität. Das Politische entsteht dort wo die Normalität aufgehoben wird – jenseits der Verwaltung.

Das Politische beginnt auch dort, wo es Konflikte innerhalb bestimmter bestehender Prozesse, innerhalb der bestehenden Effekte und Effizienzen, auch innerhalb dessen was Staat genannt wird, gibt. Diese Konflikte, haben als Ziel die Erweiterung der Grundkonsens und sie können nicht mit Konfliktmanagement gelost werden.

Eine antinationale Position in diesem Kontext anzunehmen, heißt keineswegs den Staat negieren, sich jenseits dieser Gebilde zu phantasieren und dort behaupten, an einer Politik gegen den Staat zu arbeiten. Eine Aufgabe des Rahmens Staat bedeutet auch eine Aufgabe des Kampf- und Konfliktplatzes Staat und damit die Aufgabe des Interesses an einer für die Alltagsregulierung der Individuen relevanten Kampfebenen. Diese Forderung impliziert aber keineswegs, dass die Vergesellschaftungsform des nationalen Kollektivs nicht bekämpft werden soll.

Der Spalt zwischen dem moralischen und politischen Antirassismus

 

Die prinzipielle Einstellung des politischen Antirassismus, dass es sich im Rahmen der politischen Arbeit um die Macht, um die Durchsetzungsfähigkeit, um die strukturellen Verschiebungen, ums Empowerment usw. geht, hat sich während der letzten fünfzehn Jahre diskursiv durchaus als durchsetzungsfähig erwiesen. In den theoretischen Auseinandersetzungen geht es aber nicht um Menschen und deren reale Handlungen, sondern vielmehr um die Prinzipien, die hinter den Handlungen sich verstecken und diese anleiten. Gewisse Handlungen, die sich an den Prinzipien der Pathologisierung, der Individualisierung, der Pädagogisierung, der Kulturalisierung und der Lobbyarbeit orientiert haben, haben nicht zu den proklamierten Resultaten der Teilhabe geführt, sondern ganz umgekehrt, sie haben zur Vernebelung der tatsächlich stattfindenden Diskriminierungen geführt. Ein Beispiel: Es wird über die Toleranz und nicht über die Gleichheit disputiert. Diese beiden sozialen Momente, beide Techniken der Alltagsbewältigung, stehen aber miteinander in Konflikt, denn die Gleichen müssen sich ja nicht tolerieren. Mehr noch: In einer egalitäre Gesellschaft wäre die Toleranz als Begriff ein Nonsens.

Aus diesen Erkenntnissen ist die Gegenüberstellung vom politischen und moralischen Antirassismus zu verstehen. Dem politischen Antirassismus geht es vordergründig nicht um die Kopftücher, nicht um die Identitäten, nicht um die Nächstenliebe, nicht um die kulturellen oder sonstigen Bereicherungen, nicht einmal um das Couragierte der Individuen, sondern um die bedingungslose politische Teilhabe, um die weltweite Anerkennung der Faktizität der Migration, um die Schaffung eines für alle in der Gesellschaft Lebenden (ob Individuen oder Gruppen) Entfaltungs- und Perspektivraumes. Es geht, in letzter Konsequenz gedacht, um die gleichen Rechte für alle und dies überall. Dafür werden in theoretischer und praktischer Hinsicht auch die Instrumente wie (Self)Empowerment, Hinterfragung der Strukturen, Allianzbildung, Konfliktinszenierung, Selbsthistorisierung, usw. entwickelt.

Es geht dabei nicht um die Wertlosigkeit, nicht um die Amoralität, sondern um die anderen, an dem Prinzip des Politischen orientierten Werte. Moral ist insofern von Moralisierung zu unterscheiden. Moral zu haben, entlang einer bestimmten ethischen Position zu handeln, bedeutet, sich an gewissen festgelegten Prinzipien zu orientieren und entsprechend zu agieren. Das Adjektiv „moralisierend“ heißt wiederum, dass die Methoden und die Handlungen, die zur Realisierung dieser Prinzipien führen sollten, etwas faules beinhalten, nämlich die Tatsache, dass es mehr um die eigene Positionierung der einzelnen Akteure in der Öffentlichkeit ging und weniger um die viel konfliktreichere Überwindung der realen Diskriminierungen.

Es gab und gibt einen Konsens, dass die MigrantInnen ein Problem sind, und der moralisierende Zugang zu dem war und ist, dass dieses Problemfeld zu behandeln wäre. Umgekehrt geht der Diskurs des politischen Antirassismus davon aus, dass die Gesellschaft problematisch ist und eine antirassistische Arbeit nur eine Arbeit an der Veränderung der Gesellschaft bedeuten kann.

Ich unterstelle den moralisierend antirassistisch Handelnden nicht einen schlechten Willen, sondern die Teilhabe an einer stattgefundenen soziopolitischen Entwicklung, deren Ergebnisse sich der Forderung nach der Teilhabe seitens der MigrantInnen entgegen stellen. So ein Argument gegen die Teilhabe ist es z.B., dass die MigrantInnen zuerst erzogen werden und erst nachher zu anerkannten politischen Akteuren werden sollen. Das Bemerkenswerte an diesem Argument ist, dass es zuerst in den rechten Kreisen entwickelt wurde und mit der Zeit von allen an den staatlichen Entscheidungen Beteiligten übernommen wurde. Derzeit scheint genau dieser Umerziehungsdiskurs der Arbeit des Integrationsstaatsäkreters als Leitidee zu dienen. Die MigrantInnen werden da nicht als handelnde Akteure anerkannt, sondern als die Objekte der Projektionen der herrschenden Eliten. Es gibt eine Reihe solcher von der Positivität des Endzustands ausgehenden Argumentationsketten, deren Realitäten sich in einem Gegensatz zur proklamierten Zielsetzung befinden. Die Absprechung der Akteurinnenposition durch die Objektivierung der MigrantInnen in dem Prozess der Pädagogisierung steht in einem Gegensatz zu der proklamierten Absicht des Vorantreibens der Emanzipation der MigrantInnen. Da sind wir nicht mehr weit von der in polizeilichen Kreisen beliebten Argumentation, dass es, um die Bewahrung der Menschenrechte zu gewährleisten, ab und zu notwendig ist, diese abzusetzen.

Die Frage wer, wann und warum da das Recht hat, diesen Prozess in Gang zu setzen, scheint aus dieser Art der herrschaftlichen Argumentation ausgeklammert zu sein. Die MigrantInnen sind eben ein Teil der Gesellschaft und wenn etwas gegen die Ungleichheit in der Gesellschaft getan werden soll, dann kann sich dies nicht gegen sie richten, sondern gegen die Gesellschaft, gegen die institutionellen Zusammenhänge,  die bestimmten Menschen und Gruppen von Menschen bestimmte Positionen zuteilt.

Die Zurichtung der einzelnen Menschen steht in einer langen Tradition, deren hintergründige Absicht immer die Ausbeutung dieser Menschen gebildet hat. Insofern ist es nicht nur wichtig, handlungsfähig zu bleiben, sondern genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, ist es zu wissen, was diese Handlungen für wenn in der Gesellschaft bedeuten. D.h. eine Selbstreflexion der politischen Akteure ist genauso wichtig wie deren real stattfindende Aktivitäten. Manchmal ist es eben besser, nichts zu tun, als den Anderen für sich gratis kochen zu lassen und dann behaupten, dass man sich durch das gemeinsame Verzehren dieses Essens in kultureller Hinsicht näher kommt.

 

(Diese Beitrag ist die teilweise überarbeitete Antwort auf die folgende mir von Robert Sommer im Frühling 2011 für ein Augustin-Interview gestellte Frage: „Ist ein politischer Antirassismus ohne jede Spur von moralischem Antirassismus überhaupt möglich und vorstellbar? Wenn du die beiden so polar gegenüberstellst, trennst du da nicht Menschen, die sonst einander in ihrem Handeln sehr nahe stehen? Könnte es nicht sein, dass die Moral einen Menschen vor dem Resignieren bewahrt, der derzeit keine Chance sieht, politische Konflikte auf dem Feld der Antidiskriminierung zu gewinnen? Ist es nicht in erster Linie wichtig, handlungsfähig zu bleiben, egal aus welchem Stimulus – politisch, spirituell, moralisch, karitativ?“.)

Die Überzähligen: Zur Frage des politischen Subjektes

Die Realisierung des politischen Momentes erfolgt entlang der dreifachen Linien der Klasse, Rasse und Geschlecht. Hinter jedem dieser Begriffe versteckt sich eine ideologische Bestrebung. Ideologie im Sinne eines Arsenals von Vorstellungen, die den politischen Subjekten in Verfolgung politischer Zielsetzungen Zusammenhang und Inspiration verleihen (Lenin).  Mehr noch, die Ideologie ist ein „ aktiver, organisierender und psychologisch „gültiger“ Kampf zu verstehen, die das Terrain bildet“, wo gekämpft wird und gleichzeitig ein Bewusstsein ihrer eigener Position in der Gesellschaft erwirbt (Gramsci). Mit ideologischen Bestrebungen, die einen Anspruch auf Wahrheit haben. Die diese eigene Wahrheit der Wahrheit des vorherrschenden Paradigmas entgegensetzen. (Der Wiener Erzbischof Christoph Maria Michael Hugo Damian Peter Adalbert Schönborn kennt sich offensichtlich nicht so gut mit Fragen der Ideologie aus, sonst wäre er, als einer der Hauptideologen der katholischen Kirche in Österreich, nicht so leichtferitig und banal über die „Ideologen“ in der Reihen der Unterstützer von Überzähligen, die derzeit in die Votiv Kirche für die Demokratisierung der österreichischen Gesellschaft kämpfen, hergezogen.)

Die Frage nach dem politischen Subjekt bildet das Zentrum der theoretischen Auseinandersetzungen im Rahmen einer Kultur des Konfliktes. Nun wenn wir das oben erwähnte Dreieck der Klasse, Rasse und Geschlecht, als drei paradigmatische Beispiele des politischen Kampfes im Westen in den letzten hundert Jahren aufnehmen, können wir behaupten, dass es sich um politische Subjekte des Proletariats, der MigrantInnen und der Frauen handelt. Ein politischer Gewinn ist nicht die bloße Tatsache des Bestandes dieser Figuren, sondern ihre Dauer und die Entwicklungsprozesse innerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse – die mit ihren Bestand in eine engen Verbindung steht. Es sind Figuren in actu. Es handelt sich nicht um eine entlang der Differenzen zufällig gruppierte Ansammlung von Individuen, sondern viel mehr um eine bestimmte Konfiguration bestimmter Wahrheitsprozeduren und deren materieller Grundlagen, die unter anderem sich auch in den Vertretungen und Handlungen der Individuen äußern. Das heißt, dass es eine oder mehrere partikuläre Positionen in der Gesellschaft gibt, die bestimmte Handlungen in Richtung Veränderung setzen und dadurch einen universellen für alle geltenden Anspruch erheben, die Gesellschaft als Ganzes und für Alle zu verändern. Wenn z.B. die Forderung der MigrantInnen nach offenen Grenzen erfüllt wird, dann muss es zu einer weltweiten Neukonfigurierung des ideologischen und praktischen Moments des Nationalstaates kommen. Um die Gleichheit (und nicht die Gleichstellung) der Frauen und der Klassen zu realisieren, muss es zu einem weltweiten Veränderungsprozess, z.B. demjenigen der Umverteilung von symbolischem und sonstigem Kapital, kommen. Die Wahrheiten dieser politischen Subjekte beanspruchen für sich, Teil der weltweiten Konfiguration zu werden, nicht um diese, im Sinne der geopolitischer Machtkategorie des „eurozentrischen Universalismus“, einzuengen, sondern sie im Sinne eines allgemeingültigen Prinzips der egaliberte weltweit zu erweitern und durchzusetzen.

Da liegt auch der Unterschied zwischen Politik und Verwaltung. In der Politik geht es um eine weitere zukünftige Realisierung des bisher Unmöglichen, um eine Erweiterung des Bestehenden. Die Überzähligen die derzeit in die Wiener Votiv Kirche für ihre Rechte kämpfen bestehen gerade auf diese, von allen anderen „vernünftigen Ratgebern“ – die so gern gehabt hätten dass sie endlich irgendwohin verschwinden  -, als unmöglich postulierten Forderungen. In der Verwaltung geht es immer um die Befestigung, Erhaltung und Weiterverbreitung des Bestehenden. In beiden Fällen geht es ums Ganze, nur dass die eine Normalität erhaltende Linie den Standpunkt vertritt, am Ende der Geschichte gelangt zu sein, und die andere prinzipiell davon ausgeht, dass in einer solchen Welt, wo die Ungerechtigkeit und Ungleichheit vorherrscht, es darauf ankommt, eine Veränderung dieses Welt einzufordern und zu erwirken. Für welche der beiden Option sich ein politisch denkendes Individuum entscheidet, ist eine komplexe Frage. Festzustellen ist aber das der Antwort darauf oft in Verbindung zu bringen ist mit der gesellschaftlicher Position die jemand in der Gesellschaft zugeordnet bekommt.
Die Wahrheiten der politischen Subjekte beanspruchen, Teil der Allgemeinheit zu werden, indem sie sich und gleichzeitig die Allgemeinheit verändern. Und da diese Allgemeinheit keineswegs das Ende der Geschichte, sondern nur ein Moment der davon ist, ist eine solche Transformation möglich und seitens der politischen Subjekte erstrebenswert. Die politischen Subjekte sind selber bestimmte Konfigurationen, Schöpfungen der Verhältnisse: Die politische Figur des Proletariats kann nur innerhalb von Kapitalprozessen gedacht werden, die von Frauen nur innerhalb des Patriarchat und die von Migrantinnen nur in Rahmen eines rassistischen nationalstaatlichen Regime. Sie werden zu politischen Subjekten, indem sie diese Verhältnisse erkennen und indem sie sich als Handelnde gegen diese – mit dem Ziel, sie zu verändern – stellen. Ihre Wahrheit ist ein Ausdruck eines Verhältnisses. Ein Ausdruck dessen, wie sie im Verhältnis zu sonstigen gesellschaftlichen Gruppen leben: ArbeiterInnen zur InnhaberInnen der Produktionsmittel, Frauen zu Männern und MigrantInnen zum Figur der StaatsbürgerInnen.
Aber diese politische Subjekte sind auch ein Ausdruck eines universellen gesellschaftlichen Moments. Desjenigen, der als eine Bestrebung nach Emanzipation beschrieben werden kann. Die Herrschenden müssen, um zu herrschen, sich auf die Bedürfnisse der Beherrschten einstellen, während das Verhältnis zur Welt der Beherrschten durchaus durch die herrschende Ideologie – die eine der Herrschenden ist- beeinflusst und gestaltet wird. Das scheint ein gut funktionierende Zirkel zu sein. Aber es gibt immer und auf allen Seiten einen Rest, einen Überschuss, der dazu beiträgt, dass die Beziehungen der gesellschaftlichen AkteurInnen nie vollkommen voraussehbar (und somit auch kontrollierbar) sind. Wenn diese Figuren der ArbeiterInnen, der Frauen und der MigrantInnen als AgentInnen der Veränderungen auftreten, liegt das darin, dass sie diese Rolle aufgrund der strukturellen, materiellen und nicht zuletzt auch subjektiven Gründe übernehmen. In diesem Sinne kann auch behauptet werden, dass der Kapitalismus dasjenige System ist, das durch seine inneren Widersprüche die politischen Subjekte zu seiner Bekämpfung hervorbringt.