Die Eschersche Schleife der Integration

MigrantIn ist in dem Integrationsdiskurs immer eine Gestalt des Mangels. Es fehlt da in dieser Figur, in diesem Mann, in dieser Frau, in diesem Kind etwas, etwas, was dazu führen kann, dass sie scheitern und dass sie nie das erreichen, was sonst alle anderen, die Mehrheitsangehörigen, erreichen können. Integration ist der Name für diese Zuschreibung des Mangels. Eine Zuschreibung, die wahr ist, denn sie kommt nicht von einzelnen Menschen (auch da wissen wir, dass die Zuschreibungen wirksam werden, wenn sie von den Autoritätspersonen getätigt werden), sondern von einer ganzen Struktur, die eigentlich das ist, was den Nationalstaat ausmacht. Es ist die Vorgangsweise des ideologischen Staatsapparates. Integration ist das lachende Gesicht eines Polizeieinsatzes. In dieser Hinsicht kann durchaus gesagt werden, dass es sich um eine bisher erfolgreiche taktische Vorgangsweise handelt. Es geht erstens um die Verdeckung der Realität, es geht zweitens um die Tradierung eines Ungerechtigkeitssystems, und das dritte ist – eigentlich das, was die Sache ausmacht, – die Einschreibung des Mangels.  Insgesamt kann gesagt werden, dass es um die Produktion von sich selbst in sich als mangelnden Wesen glaubenden Menschen geht. Das Perfide dabei ist, dass es aus diesem System keinen Ausweg gibt: Diejenigen, die zu integrieren sind, und das sind alle MigrantInnen, mehr noch, es sind alle diejenigen, die in dem System des Nationalstaates die Funktion der Minderheiten zugeschrieben bekommen (in manchen Wiener Schulen machen sie sogar 80 Prozent der SchülerInnen aus) werden nie integriert sein. Aus einem einfachen Grund: Das System kennt das Ende der Gleichung nicht. Es ist eine Taktik, die nicht einen Sieg am Ende der Schlacht kennt, sondern eine, die diejenigen, auf die sie sich bezieht, auf die sie zielt, in eine in die Unendlichkeit laufende Maßnahmenschleife schließt. So laufen sie, die Minderheiten, in dieser Escherschen Schleife in der Unendlichkeit herum, und noch dazu werden sie als undankbar verschmäht. Das alles ist Integration, so wie dieser Begriff heute von den staatlichen und parastaatlichen Institutionen, den NGOs, verwendet wird.

Namen und Nationen

Namensgebung ist eine spezifische an den Nationalstaat und die Nation gebundene Praxis, die in einer engen Verbindung zur Konzentration der Macht steht. So wie es unmöglich ist sich zu vorstellen, dass es zwei gleichnamige Nationalstaaten gibt, so ist es im Rahmen der Nationalstaaten unmöglich, die nicht schriftlich kodifizierten Namen, solche, die einen als Angehörigen von einer bestimmten Nation aufweisen, als endgültig gesellschaftsfähig zu erklären.
Eine Tendenz dem gegenüber gibt es mit den Kurznamen oder Nadimci (Spitznamen, Kosenamen), die mit der Zeit so wie die Namen bestehen, gewissermaßen den Platz der Namen einnehmen. Neulich meldete die montenegrinische Tageszeitung „Vijesti“, dass es in Montenegro ein Dorf gibt, in dem es seit Generationen die Kommunikation nur durch solche Benennungen funktioniert. Die Menschen kennen sich untereinander nur unter solchen ihnen vom Kollektiv hergegebenen Bezeichnungen. Ich kenne Menschen seit meiner frühesten Kindheit, die für mich immer einen bestimmten Namen gehabt haben, nun aber, wenn ich mit ihnen ihren Pensionsantrag ausfüllte, muss ich feststellen, dass sie ganz anders heißen. Ein Name, der nie in meiner Gegenwart verwendet wurde, und eigentlich „in dem Buche“, wie mir die betreffende Person erklärte, so steht. Plötzlich stellt sich heraus, dass „Guca“ in schriftlicher Form „Dara“ heißt und keiner weiß, warum sie gerade „Guca“ genannt wurde. Neulich auch erzählte mir ein Bekannter, dass er einmal Schwierigkeiten am Flughafen mit einem Freund gehabt hat: Er hat die Flugtickets reserviert und dabei den Namen Aleksandar, den er seit je kannte, als denjenigen seines Freundes angegeben. Nun stellte sich am Flughafen heraus, dass der Freund gar nicht Aleksandar sondern Zlato (Gold) hieß. Ein Name, den niemand von seinen Freunden als seinen gekannt hat. Die Erklärung dazu: Angeblich hat sein Vater so sehr Gold geliebt und begehrt, dass er seinen Sohn Gold genannt hat. Und der Sohn schämt sich sein ganzes Leben, diesen Namen in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie mussten jedenfalls ein anderes Ticket mit dem „richtigen“ Namen kaufen. Die Verwaltung kennt keinen anderen Namen als den, der in persönlichen Dokumenten von anderen Verwaltungen eingetragen wurde. Die Verwaltung erkennt nur die Verwaltung, nicht aber die Person dahinter, den Namensträger, als eine Machtinstanz an. Nicht zufällig wurden mit den Roma-Verordnungen von Maria Theresia und Joseph II den Roma streng verboten, andere als die Taufnahmen zu verwenden.

Während des Krieges in Jugoslawien wurde ich jahrelang gefragt, woher ich komme. Ich antwortete immer zuerst aus Jugoslawien. Da meine Gesprächspartner, obwohl sie oft nicht zu den unhöflichsten Gruppen in der Gesellschaft gehörten, aber meistens weiter insistierten woher genau, sagte ich immer aus Serbien. Damit war es klar über welche Themen wir reden werden. Da war eben nicht mehr genug, einen Yugo-Namen zu verorten, wie üblich in den vergangenen Jahrzehnten bis dahin, sondern es bestand ein Bedarf nach mehr Informationen, nach denen die darauf folgende Gesprächssituation in die richtige Richtung gelenkt werden sollte. Dass dadurch vielen Menschen – wie mir übrigens auch – mittels Schaffung ideologischer Korsette, mit denen sie zumeist nicht einverstanden waren, ein Unrecht angetan wurde, wurde in Kauf genommen. Es gehörte sozusagen zu der Normalität der Nationalstaaten, dass es andere Nationalstaaten gibt und die Menschen, die herum laufen müssen, eben zu einem dieser Orte der Verwaltung angehören: Diese Annahme wurde regelmäßig von meinen Gesprächspartnern selbstverständlich gesetzt. All diese Menschen, die solch unbewusste psychologische Gewaltakte betreiben, würden sich nie als Nationalisten betrachten. Trotzdem gehen sie von einem durch und durch nationalistischen Gesamtbild aus, nämlich dem, dass unsere Welt aus Nationen besteht und dass alle Menschen bedingungslos einer solchen Struktur gehören müssen. Hätte ich sie weiter informiert, dass ich zu einer Minderheit gehöre usw., wäre das nichts anderes als eine Bestätigung für ihre mir aufoktroyierte Wirklichkeit, dafür eben, dass es Nationen, Ethnien, Mehrheiten und Minderheiten im Rahmen der bestehenden Verwaltungsorte usw. gibt.

Das Machtvolle an dieser Erzählweise ist das, dass es aus so einem Gespräch keinen kommunikativen Ausweg gibt, es gibt keine Möglichkeit, einem so insistierendem Gegenüber auf der gleichen Ebene entgegenzutreten und zu behaupten, dass es keine Nationen gibt, denn das würde in seinem Weltbild nur heißen, dass es sich um eine antinationale Position handelt, also eine Position, deren Herkunft die Reaktion auf die nationale Gedanken wäre. Es lässt sich da ein Vergleich mit Theismus und Atheismus ziehen. Denn Atheismus ist immer etwas gegen Theismus. Nun aber, während es heutzutage durchaus möglich ist, eine Position der Gottlosigkeit, – sich jenseits der Diskussion um die Existenz Gottes mit dem Argument der Bedeutungslosigkeit solcher Art von Disputen – einzunehmen, ist es institutionell, strukturell nicht möglich, eine antinationale Position einzunehmen. Es ist unmöglich, individuell zu behaupten, staatenlos, eben ortlos im Sinne der bestehenden Weltordnung zu sein. Gleichzeitig kann die Verwaltung einen ausstoßen: Es existiert, wie wir wissen und womit sich Hannah Arendt eingehend beschäftigt hat, die Figur der Staatenlosen. Diese scheint mir aber mehr ein Effekt der bestehenden Verwaltungsmaßnahmen, vergleichbar der früheren kirchlichen Exkommunikation, zu sein. Der Diskurs des Staatenlosigkeit beinhaltet eine Position der Bestrafung und nicht einer der Autonomiegebung. Somit ist einfach eine andere Art, eine negative Art von Bindung an die bestehenden Verwaltungsstrukturen markiert. Die antinationale Position des Individuums wird immer in Hinblick auf die vorher stehende nationale Position gedeutet und verstanden.
Dieses Beharren auf der eigenen Nation erfolgte in diesem Kontext indirekt, indem mir und den anderen Migrantinnen aus Jugoslawien auch eine nationale Zugehörigkeit unterstellt wurde. Denn es war für diejenigen, die mich fragten, klar, dass sie irgendwo hingehörten, dass sie ein „Wir“ bildeten, das sich von dem „Wir“ unterschied, dem meine Zugehörigkeit unterstellt wurde. Die Nation erscheint da nicht nur als ein „Wir“, sondern es bedeutet vor allem auch ein unbedingtes Verlangen, dass sie, die Anderen, eindeutig „sind“. Eine schwache Konstitution des anderen Seins in Hinblick auf die eigene starke Position der bestimmbaren Instanz. Die Frage, die sich solche Fragenden stellen, ist: Wie ist es möglich zu sein, ohne zu einem „Wir“ zu gehören, und da in ihrer unmittelbar vorhandenen Welt so etwas unmöglich ist, nehmen sie klarerweise an, dass auch ich – nolens volens – einem solchen „Wir“ zugehöre. Einem „Wir“, das ein Territorium woanders eingezäunt hat – weil ich durch die Fremdengesetzgebung gar nicht dazu, wo sie hingehören, gehören dürfte.
Das wäre ein weiteres Merkmal der Nationalisten: Die Überzeugung, dass dieses „Wir“, dem sie zugehören, an ein Territorium gebunden ist. Das ist dann die Heimat. Meine Gesprächspartner gehörten fast durchgehend zu der Sorte, die sich von diesem Wort aufgrund seines nationalsozialistischen Missbrauchs distanzierte, aber sie taten in ihren diskursiven Auftritten und durch den für sie so selbstverständlichen Versuch, eine Kommunikation im nationalistischen Diskurs herzustellen, nichts anderes, als genau diese postnationalsozialistische Heimat zu bestätigen. Eine Heimat, die ein „Wir“ beinhaltet, eine, die ein „Wir sind“ und „Wir werden immer sein“ beinhaltet, und die an ein Territorium, auf dem Sie zu bestimmen legitimiert sind, gebunden ist.

Die Überzähligen: Ihre Sache ist die Sache aller…

Worin besteht die Unklarheit bezüglich der gegenwärtig in der Votivkirche hungerstreikenden Menschen? Vor allem in der diskursiven Unmöglichkeit, sie als Subjekt in eine Klasse einzuordnen, denn sie gehören nicht der bisherigen „anerkannten“ Klassen in der Gesellschaft. Als Überzählige können sie weder teilhaben noch teilnehmen. Weder gehören sie zum politischen Körper, noch waren sie befugt, das Politische für sich zu beanspruchen. Das führt zu der Tatsache, dass sie diskursiv als Einheit, als Seiendes, als Entität gar nicht betrachtet werden. Der bisherige Diskurs hat nicht einen Platz für sie als politisch Handelnde. Es gibt keine Erzählung, die sie als Entität – ausgestattet mit Vernunft und Handlungswille – verortet, und schon gar nicht eine, die diese Vernunft und diesen Willen zur Grundlage der stattfindenden Rebellion charakterisieren könnte.

Gleichzeitig, das, was passiert, ist genau das: Diese Menschen haben gedacht, sie denken und sie werden politisch denken. Aus diesem Denken ist ihr Entschluss gekommen, sich für eine Ihnen wichtige Sache zu exponieren und letzten Endes auch das Leben zu riskieren. Diesen Menschen derzeit eine Opferrolle diskursiv anzuhängen, wie das in bestimmten Texten gemacht wird, bedeutet nichts anderes als einen Versuch, ihnen die Rationalität der vernünftigen Wesen abzusprechen. Es heißt, eine Reduktion vorzunehmen, eine Reduktion auf ihr Leid und ihr Trauma. Das ist keine harmlose Vorgangsweise, sondern eine strategische.

Am besten wurde darauf geantwortet von den Menschen dort selber: „Wir sind 20.000 km von Afghanistan hergekommen und für uns sind 30 km von Traiskirchen her kein großes Problem“ (Erinnerungszitat). Natürlich widerspiegelt dieser Satz auch eine möglicherweise zu starke heroische Einstellung, aber es zeugt vor allem von politischer Überzeugung und von der Einstellung, alleine für sich selbst sprechen zu können.

Derjenige, der so spricht, mag einiges erlebt haben, er ist aber keineswegs nur auf das zu reduzieren, was er erlebt hat, mehr als dass es bezeugt, dass das, was die Menschen erlebt haben, in der gesamten Grausamkeit, die dabei im Spiel war, auch eine Erfahrung, wichtige Erfahrung, aus der auch Kampfenergie gezehrt werden kann, ist.

Diese Menschen sind auch Opfer, aber ihr Leid hat sie nicht zu Sklaven dieser Vergangenheit gemacht, sondern sie auch zu Kämpfern für ihre und der Sache aller in der Gesellschaft. Denn das wird zu oft vergessen: Ihre Sache ist die Sacher aller, denn die Aufteilung der Gesellschaft auf diejenigen, die partizipieren, und die anderen, die der Partizipation der einen unterworfen sind, ist ein gesellschaftliches Problem, das bedingungslos alle betrifft. Darum ist der Kampf dieser wenigen ein allgemeiner Kampf für Alle. Sie verkörpern Alle und steigen in den politischen Ring auch im Namen von allen, in einem schwierigen und langfristigen Kampf. Die derzeitige Unterstützung ist das wenigste, was andere machen können.  Mehr noch, derzeit kann ruhig behauptet werden, dass der eigentliche politische Moment, also die Tatsache, dass sie als Partikuläre aus einer partikulären Position im Namen von Allgemeinheit aufgetreten sind, in Österreich sich in der Votivkirche ereignet.

Ljubomir Bratic, Wien am 09.01.2013

Der Alptraum der verwalteten Ordnung. Die Überzähligen haben schon gewonnen!

„We don’t fight for warm beds. We want our future. We want to do something for our live. We request from the government to give us a chance and to hear and answer to our demands.“


Die Menschen, die bis vor kurzem im Sigmund-Freud-Park ihre Zelte zwecks einer öffentlichen Demonstration ihrer Forderung nach Rechten und Gleichheit aufgeschlagen haben und die seit der Vorweihnachtszeit 2012 in der Votivkirche Schutz suchten und dort in Hungerstreik traten, gehören in der Gesellschaft, in der sie diesen Akt vollziehen, in der gegenwärtigen österreichischen Gesellschaft, zu den Überzähligen. Sie gehören nicht deswegen nicht dazu, weil es ihnen an etwas mangelt, sondern weil ihnen prinzipiell die Eigenschaft abgesprochen wird, dazugehören zu können. Als nicht dazu Gehörige und Gezählte, als die Überzähligen, können sie somit per Definition nicht die Eigenschaft des zoon politicon – des auf seine Gleichheit unter den Gleichen setzenden Individuums – haben. Diese Tatsache der paradoxen Anwesenheit von denjenigen, die nicht dazu gehören können, macht die Situation für die städtische Verwaltung (denn sie sind mit dem Akt der Vereinnahmung dieser Namenslosen eines öffentlichen Ortes, des „Sigmund-Freud-Parks“ herausgefordert) an erster Stelle und für die Hilfsorganisationen (denn mit der Wahl eine Kirche zu suchen wird die Handlungsfähigkeit der größten Hilfe – Verwaltungsorganisation auf den Prüfstein gesetzt) an zweiter Stelle, so unergründlich, dass sie am liebsten das ganze Geschehen möglichst schnell gründlich alles ungeschehen und vergessen machen möchten. Nun zu ihrer weiteren Beunruhigung kann ruhig behauptet werden, dass deren Alptraum noch lange dauern wird. Im Folgenden geht es um die Frage, warum so etwas gerade in Wien passiert?

Die Stadtverwaltung

Wer sind diese Überzähligen für die städtische Verwaltung? Bekanntlich hat die Wiener Stadtverwaltung eine linksliberale 
Ausrichtung. Es besteht aus der traditionell mächtigen Sozialdemokratie (SPÖ) die über Jahre hinweg die rassistischen Betonpositionen aus ihren Reihen marginalisieren konnten, (einer von diesen, Johann Hatzl, der unter dem Innenminister Franz Löschnak schaltete und waltete, wurde interessanterweise Obmann der SPÖ naher Hilfsorganisation Volkshilfe) und der Grünen, deren Wiener Chefin einmal vor Jahren aufgetreten ist, um die „Stimme der Migranten ins Stadtparlament“ hineinzubringen und die diesen Anspruch zugunsten der pragmatischen Erfolgsüberlegungen schon längst aufgegeben hat. Diese Aufgabe des prinzipiellen Momentes machte sie und ihre Partei, wo sich darüber meines Wissens niemand so richtig Gedanken machte, zu einem für die SPÖ akzeptablen Koalitionspartner. Gemeinsam wurde auf dem Weg zu der Koalition der Werner Sokop, mächtiger MA62-Chef (bekannter als Autor von „Überfremdungsbescheiden“ und antisemitischen Gedichten) in Pension verdrängt und auch die Wiener Integrationskonferenz eliminiert. Sie fanden ihre goldene koalitionäre Mitte, indem eine Seite die öffentliche Brutalität der Hardliner eindämmen konnte und die andere, den Anspruch auf den Partizipationsgrad der MigrantInnen in der Gesellschaft zu erhöhen, aufgeben werden musste. Ein positives Nullsummenspiel sozusagen. Nun erscheint jetzt in dieser so laufenden Geschichte plötzlich ein Handlungssubjekt, das von niemandem wahrgenommen wurde, oder besser gesagt, nur als ein Objekt der Hilfe, der Toleranz oder der Repression, wahrgenommen wurde. Dieses Subjekt setzt Handlungen und stellt für alle nachvollziehbare Forderungen. Es sind diejenigen, die bisher in keinem der Kontrollsysteme (auch nicht in denjenigen der Straßenpolizei) völlig aufgegangen sind, diejenigen Menschen, die am Rand der Gesellschaft als deren nicht dazu gehörender Teil geduldet werden, eben als Flüchtlinge, die ihr Dasein unter höchster Unsicherheit leben mussten, die sich als die Erweiterer des gesellschaftlichen Gemeinsinns gebärden.

Was passiert gerade, während das hier gelesen wird? Diese Menschen sprechen, sie stellen Forderungen und noch mehr: Sie behaupten, dass niemand außer ihnen für sie sprechen kann. Damit sind alle Schein – Repräsentationsgebäude und auch die mächtigen Kontroll- und Ordnungsgebäude zum Vorschein gekommen und es stellt sich heraus, dass die Herrschaft diesem schwachen, kranken, hungrigen und an der strukturellen Macht nicht beteiligten Subjekt nicht sehr viel an den Argumenten entgegen setzen kann. Es stellt sich heraus, dass dieses Subjekt die gleiche Sprache der politischen Forderungen spricht wie alle Anderen in der Gesellschaft,… aber eine Akzeptanz dieser Forderungen würde für die bisherigen Verwalter zumindest die Relativierung ihrer herrschaftlichen Positionen bedeuten. Damit 
bleibt für die Wiener Stadtregierung nur eine verzweifelte Selbstschutzaktion offen: die namenlosen Überzähligen möglichst schnell aus der Position eines öffentlich wirksamen Herdes der Delegitimierung zu entfernen. Die Konsequenz daraus ist die Entfernung der Gebrauchsobjekte, die zu diesem eminenten Demonstrationsrecht gehörten: Zelte, Kleidung, Tische, Bänke, … Sigmund-Freud-Park wurde von den Menschen und deren Habseligkeiten in der Nacht am 28.12.2012 um 04.00 Uhr in der früh gesäubert. Ob dies mit bewusster Wille oder Wissen oder Kenntnis oder Absicht oder Intention usw. all derjenigen, die in der Stadtregierung ihren Sitz gefunden haben, geschah, ist eigentlich eine Nebensächlichkeit. Die Zelte der demonstrierenden Menschen wurden entfernt und zerstört. Statt im Sigmund-Freud-Park einer Übernachtungsmöglichkeit für die für ihre Rechte Kämpfenden, als eine karge kalte winterliche Übernachtungsmöglichkeit, zu dienen, befinden sich jetzt die Dinge von Bulldozern zerstört in irgendeinem Magazin der Stadt Wien. 

Während gleichzeitig auf dieser Wiese niemand mehr sein Zelt aufschlagen darf. Damit hat die Stadtregierung ihr Machbares getan. Die Zelte wurden nicht zurück gebracht und die Aktion wurde so vollzogen, dass es zu vollendeten Tatsachen führte. Nun zum Leidwesen der Stadtregierung ist es nicht so, dass die Proteste und die Sprache der Überzähligen durch die Entfernung ihrer Habseligkeiten verstummt.

Die Kirche

Und wer sind die Überzähligen für die Hilfezulieferer? In dem System des nationalstaatlichen Rassismus gibt es mehrere Arbeitsteilungen. Eine davon ist: Für die Verwaltung des geduldeten Daseins der Flüchtlinge sind diejenigen zuständig, die sich dem Begriff der Hilfe verschrieben haben: Die Hilfsindustrie. Dazu gehört die gesamte Soziale Arbeit aber auch deren große operative Einheiten wie z.B. die Volkshilfe oder eben Caritas. Nun was machen die Überzähligen während der öffentlichen Verlautbarung ihrer Sprache der Partizipation? Sie verweigern sich dieser Hilfesteller – es war von Anfang an keine Hilfsorganisation in die Demonstration eingebunden – und mehr als das, sie fordern sie heraus, indem sie ihren Protest in ihre Richtung, auf deren Orte und Räumlichkeiten, ausdehnen: Sie besetzen eine Kirche. Dieser Ort hat einen anderen Charakter als die von Stadtverwaltung regulierte Parkeinrichtung. Hier geht es um einen Ort, der sich durch die Barmherzigkeit legitimiert und in dessen historisches Bewusstsein eine starke Asylgeschichte eingeschrieben steht. Dazu kommt das, was für die gegenwärtige Situation der Kirche von einer unmittelbaren Relevanz ist: Die Caritas ist ein rechtfertigender Bestandteil der Kirche. Diese Caritas verwaltet Flüchtlingsheime, hat Beratungsstellen für Flüchtlinge, hat „Rückkehrberatungsstellen“ und ein gehöriger Teil der Gelder, mit denen die Duldung der Überzähligen organisiert wird, geht an sie. Die Überzähligen haben mit ihrer Handlung, durch ihre Positionierung auf einem geordneten Territorium genannt Wien, genau das ausgewählt, was sie unmittelbar betrifft: die Hilfsorganisation, die jetzt vor der Frage nach dem Charakter ihrer Hilfe steht. Wie kann jetzt diese Rationalität noch in Frage gestellt werden? Genau das ist die Frage, die sich derzeit die Verwaltung und deren diverse Einheiten (politische Parteien, Interessensvetretungen, PR-Abteilungen in Form der so genanten öffentlichen Medien, usw.) stellt. Was soll man machen, wenn jemand, der nicht prinzipiell zur politischen Ordnung gehört – indem er eine eindeutige politische Sprache zu sprechen beginnt und diese Sprache nicht nur ausspricht, sondern die Handlungen setzt, die diese Sprache zu einer macht, die gehört werden muss – seine Rationalität beweist?

Verlorener Kampf

Eigentlich ist das für die angesprochenen Teile der Verwaltung ein verlorener Kampf. Denn egal was sie und wie sie es tun, die Tatsache eines neuen sich rational artikulierenden politischen Subjektes ist da. Damit können alle nur umgehen lernen. Verdrängen werden sie es aber nie mehr können. Das ist der größte Verdienst der kämpfenden Menschen im Sigmund-Freud-Park und in der Votivkirche. Ein guter Rat für die Stadtverwaltung angesichts dieser Situation ist der, auf die Forderungen dieser Menschen, die sich als politisches Subjekt organisiert haben, einzugehen, sie als gleichberechtigte politische Gesprächspartner zu betrachten und sie als die alleinigen Sprecher über die Situation, wo sie bisher nur als Objekte fungierten, zu akzeptieren. Mehr bleibt da nicht zu machen. Die Überzähligen haben eine Situation erkämpft, indem sie als politisches Subjekt da stehen. Es reden diejenigen, für die bis jetzt immer jemand geredet hat, und sie reden nicht nur in einer Öffentlichkeit, der Gemeinschaft gehörenden Öffentlichkeit, sondern auch auf dem Territorium einer der Organisationen, die die Hilfe verwaltet, dort, wo sie zu Objekten degradiert werden. Das ist die von der Verwaltungsseite her gesehene „Ungeheuerlichkeit“ dieser Proteste. Das macht sie so schwer verstehbar und kaum akzeptabel für die Verteidiger der herrschenden Ordnung.

Und noch etwas als post scriptum: Wurden die protestierende Flüchtlinge nicht aus dem Sigmund-Freud-Park genauso vertrieben wie der Sigmund Freud aus Wien im Jahr 1938? Gibt es eigentlich für das kollektive Gedächtnis etwas Schwerwiegendes als diese – in anderer Form aber doch – Tatsache der Wiederholung des Unrechtes?
Ljubomir Bratic, Wien, 03.01.2012