Der Wind, der den Nebel vorantreibt: Unmündigkeit, Transformationen und Kämpfen

Unmündigkeit

Die vor kurzem eingeführten Zwangsdeutschkurse für MigrantInnen in Österreich werden mit dem Argument gerechtfertigt, dass die Einführung der Schule durch Maria Theresia im 18. Jahrhundert auch Proteste nach sich gezogen hat, aber im Nachhinein hat sich dies als eine Stütze der Aufklärung und der modernen Demokratie erwiesen. Nach dieser Auffassung ist also ein bestimmter Zwang notwendig, um der Bevölkerung, vor allem bestimmten Gruppen darin, den Armen, zu ihrem Glück zu verhelfen. Oft hören wir, wenn es um die Beziehung zu MigrantInnen geht, seitens der Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft, dass Integrationsbestrebungen eine aufklärerische Arbeit darstellen. Betrachten wir in diesem Zusammenhang die klassische Kantsche Definition von Aufklärung als »Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.«1 Der zentrale Streitpunkt dabei ist die Bedeutung des Begriffes »Unmündigkeit«.2 Erste Bedeutung: Die mehrheitsgesellschaftlichen linken und rechten IdeologInnen betrachten die MigrantInnen als Kinder. Die Bedeutung der Unmündigkeit der MigrantInnen inmitten der Gesellschaft ist nichts anderes als ein Zustand natürlicher Ohnmacht, sodass diese ohnmächtigen Menschen, eben Kinder, nicht in der Lage sind, sich selber zu steuern. Der Streitpunkt unter diesen PädagogInnen ist nur, ob es für MigrantInnen eine Zwangspädagogik oder eine freie Erziehung geben soll. Dass es sich um Erziehung handeln muss, wird nicht bezweifelt. Die Aufklärung, die stattfinden sollte, basiert somit auf einer Art Erziehung. Und die Zwangdeutschkurse sind gleich schulische Erziehung. Dafür gibt es HelferInnen, die Mehrheitsangehörige sind, und dafür gibt es neben der AdvokatInnen-Industrie noch die HelferInnen-Industrie. Sie alle behaupten zu wissen, wie mit diesen Kindern umzugehen ist, und bekommen dafür gesellschaftliche Satisfaktion in Form der Finanzierung ihrer Projekte.

Zusätzlich zu dieser Verkindlichung der MigrantInnen gibt es eine andere Bedeutung dessen, was Unmündigkeit ist, und diese ist definiert durch das Adjektiv »selbst verschuldet«. Dies bedeutet, dass sich die betreffenden Menschen in einem Zustand befinden, der gewissermaßen einer Verblendung ähnelt. Sie sind durch die Kultur, die sie mitschleppen, und durch diejenigen, die diese Kultur hier verbreitern, in eine Position gedrängt, in der sie sich nicht selber führen, also keine Autonomie in ihren Handlungen besitzen, sondern sich von anderen, eben denjenigen, die sie zu ihren Zwecken (früher waren das die kommunistischen Agenten und gegenwärtig sind das die muslimischen Prediger) instrumentalisieren lassen. Sie werden sozusagen unter die Führung genommen, gleichzeitig aber lassen sie sich gerne ins Verderben führen, darum der Ausdruck »selbst verschuldet«. Die nahe liegende Argumentation besagt, dass es besser ist, die Führung von denjenigen übernehmen zu lassen, die in einer aufgeklärten Gesellschaft westlich sozialisiert sind (den Angehörigen der Mehrheit, natürlich), als dies den dunklen Männern aus dem Orient zu überlassen. Diese beiden heute gängigen Bedeutungen von Unmündigkeit dienen durchaus der Erhaltung der bestehenden Machtverhältnisse. Sie haben aber unterschiedliche Implikationen, was die Instrumente der Intervention betrifft. Während der Diskurs, demzufolge die MigrantInnen Kinder sind, die Methoden der Pädagogik als Problemlösung vorschlägt, setzt der zweite Diskurs, in dem die MigrantInnen Opfer einer Verführung sind, durchaus auf andere Mittel, nämlich solche, die gegen straffällig gewordene Individuen Anwendung finden: Umerziehung und Disziplinierung. Hier geht es darum, die erste Erziehung, das was in dieser Gesellschaft falsch ist, weil es sich mit den Menschenrechten nicht verträgt, zum Vergessen zu bringen. Es geht um Umerziehungsmaßnahmen – wie dies häufig der Fall ist unter dem Vorzeichen der Aufklärung. Wenn der Zwang zum Guten erlaubt ist, dann stellt sich irgendwann die Frage, wie viel des Zwanges angebracht ist, und vor allem, wer darüber entscheidet, wer auf welche Art diesem Zwang unterworfen werden soll. Diese zwei Bedeutungen verqueren sich von Anfang an in der Deutung der MigrantInnen zwecks Intervention und sind bis heute die einzigen Interpretationen, die seitens der mehrheitsgesellschaftlichen – der Intellektuellen am Hofe, wie Pierre Bourdieu es treffend ausdrückt – TheoretikerInnen im Hinblick auf die Position der MigrantInnen in der Gesellschaft, im Hinblick auf die Notwendigkeit einer Veränderung dieser Position, hervorgebracht wurden.

Die Unmündigkeit hingegen, die seitens der politischen antirassistischen Szene in den Diskurs eingebracht wird, ist eine andere. Es ist die Unmündigkeit, die aufgrund der politischen Verhältnisse diesen Individuen in der Gesellschaft zugeschrieben wird. Diese politische Position ist dadurch gekennzeichnet, dass der betreffende Teil der Bevölkerung der in der Demokratie legitimen Ausübung seiner Rechte aufgrund der rassistischen Fremdengesetzgebung beraubt ist. Diese Rechte werden ihnen entzogen zwecks Ausübung einer bestimmten Herrschaftsform. Die einzige Befreiungsmöglichkeit aus dieser Position heißt keineswegs Erziehung, auch nicht Hilfe und schon gar nicht Umerziehung, sondern Rückgabe der Rechte, wohlgemerkt der gleichen Rechte, wie sie die anderen Mitglieder der Gesellschaft mit entsprechendem Pedigree, die StaatsbürgerInnen, haben.

Diese zwei Auffassungen von Aufklärung – die Verkindlichung und das Verführtsein einerseits und die Befreiung aus der Knechtschaft des Rechtes andererseits – stehen miteinander im Konflikt. Diskursiv ist es so, dass die an den Diskussionen Beteiligten für die eine oder für die andere dieser Bedeutungen votieren müssen. Einen Raum zwischen diesen zwei Diskursen gibt es nicht.

Laufende Transformationen

Wir erleben seit Ende der 1990er-Jahre eine sich langsam, aber kontinuierlich entwickelnde Arbeit an der Kritik der rassistischen Herrschaft. Die Kritik nahm ihren Anfang mit der Etablierung des Rassismusbegriffes Mitte der 1990er und daran anschließend der Etablierung einer besonderer Form von Antirassismus: des politischen Antirassismus. Inzwischen wächst auch die Anzahl der Menschen in den institutionellen Zusammenhängen der Mehrheitsgesellschaft – mit oder ohne »Migrationshintergrund« –, die in diversen Zusammenhängen mit dieser Art von Denken in Berührung gekommen sind. (Oder einfach nicht mehr so tun können, als gäbe es diese Diskurse nicht.) Grundsätzlich kann gesagt werden, dass durch die kritischen Arbeiten, durch die Texte, die veröffentlicht wurden, durch die Diskussionen, die geführt wurden, durch die Konflikte, die ausgetragen wurden, durch den Zwang zur Positionierung, die diese Kritik mit sich brachte, eine rassistische Generalisierung der öffentlichen Meinung über Migration, vor allem über die MigrantInnen, nicht mehr möglich ist. Differenzierung ist angesagt, und sie ist ein direktes Ergebnis der Analysen und Kritiken, die von einem ständig wachsenden Kreis von Intellektuellen geteilt werden. Ein wichtiges Ergebnis dieser Bemühungen ist, dass die diskriminatorischen Verhältnisse jetzt als etwas erscheinen, was verteidigt werden muss. Das heißt, dass im Unterschied zu früher die Macht, die sich gegenüber den MigrantInnen als Herrschaftsverhältnis äußert, nicht mehr unsichtbar ist. Die Zeit nach der Kritik erfordert eine Rechtfertigung des Herrschaftsverhältnisses. Damit kommt es zu einer besseren Sichtbarkeit dieser Verhältnisse und zu einer Vergrößerung der Gruppe der KritikerInnen. Vor allem aus den Reihen derer, die von dieser Herrschaft direkt betroffen sind, aber inzwischen verschiedene intellektuelle und praktische Instrumentarien entwickelt haben, wie sie der Diskriminierung entgegentreten können. Seit Ende der 1990er-Jahre bildet sich eine Schicht der Kultur- und KunstarbeiterInnen, die an dieser Kritik arbeiten. Sie behaupten ihre Autonomie mit den Mitteln, die ihnen die Bereiche anbieten, in denen sie als SpezialistInnen gelten (Kunst, Sozialwissenschaft, Kultur, Journalismus, Literatur, usw.), und gleichzeitig betätigen sie sich in einer Richtung, indem sie für sich die Rolle von AkteurInnen beanspruchen. Etwas, das sie nicht müssen, aber trotzdem tun, nämlich über Migration zu streiten. Diese Behauptung – es geht dabei auch stark um deren performativen Gehalt – macht sie zu Teilnehmenden, zu denjenigen, die sich ihre Themen nicht vorschreiben lassen. Dadurch werden andere verdrängt, die diesen Vorschreibungen sehr wohl folgen, indem sie den Moden innerhalb des kulturellen und künstlerischen Betriebs erliegen. Kaum eine KünstlerIn, der/die einen migrantischen Hintergrund aufweist, betreibt diese Art »Sozial-Kunst«, vor allem deshalb, weil sich während der 1990er-Jahre so viele mehrheitsgesellschaftliche KünstlerInnen auf diese Art der Kunstproduktion stürzten und sich blendend in die Rolle der HelferInnen fühlten.3

Hinter diesen Veränderungen verbirgt sich eine schon früher stattgefundene soziale Veränderung, nämlich die, dass einige der von Rassismus betroffenen Individuen Zugang zu Bildungsinstitutionen gefunden und dadurch die Sprache der Öffentlichkeit einstudiert haben. Auch wenn die rassistische Aufteilung der Gesellschaft sowohl formell durch die Struktur der Lehrerschaft als auch inhaltlich durch deren auf die Nation gerichtetes Lehrprogramm nach wie vor ein integraler Bestandteil der nationalstaatlichen Bildungsinstitutionen ist, bringt das Erlernen der Sprache der Herrscher die Möglichkeit mit sich, diese Sprache gegen eben diese Herrscher zu wenden. Dies war in der Geschichte immer der Fall, wenn die Beherrschten die Sprache der Herrscher zu der ihren machten. Es geht dabei nicht um die gesprochene Sprache, sondern um eine ganz bestimmte Art, »Es« zur Sprache zu bringen, die einzige gesprochene Sprache, die eben Macht und in Folge davon Herrschaft generiert. Die wachsende Zahl der (Aus-)Gebildeten deutet auf eine langsam stattfindende Diversifizierung der Arbeitsverhältnisse unter den Beherrschten hin. Auch wenn ein großer Teil der Kinder der MigrantInnen, bedingt durch das rassistisch strukturierte Schulsystem, wieder in den für MigrantInnen reservierten niedrigen Arbeitstellen landet, ist ein Teil dieser Kindern durch die Orte der Befähigung zur Sprache der Öffentlichkeit durchgedrungen. Das heißt, sie befördern nicht nur die Diskurse der Herrschaft, sondern auch jene der Überwindung der Herrschaft in der Öffentlichkeit. Dadurch können sich die TrägerInnen der Herrschaft nicht mehr einfach in ihren überaus bequemen Positionen sicher schätzen, aus denen heraus sie nichts erklären müssen. Und wenn es zur Erklärung kommen muss, kommt es auch zur Notwendigkeit der Rechtfertigung. Derlei Rechtfertigung bietet weitere Möglichkeiten des Angriffs. Die gegenwärtigen Bestrebungen in Deutschland und Österreich zwecks Delegitimierung des Begriffs Integration (und deren Anwender) haben genau diesen Hintergrund.

Die TrägerInnen der Kritik kommen aus den Bildungsinstitutionen, gleichzeitig entstammen sie gelockerten Familienverhältnissen, die Teil des Migrationsschicksals der Eingewanderten sind. Die Kinder merken das Scheitern der Eltern und beginnen sich zu fragen, woran das liegt. Woran liegt es, dass die Eltern, trotz ihrer Aufopferung und Mühe – und diese kann keine/r der erster Generation, diesen MeisterInnen der Entbehrung, absprechen – am Ende den Eindruck von Verlierern vermitteln? Wer macht sie zu Verlierern? Und wer bestimmt, was und wer zu den Verlierern gehört, schließlich muss es irgendwo ja auch Gewinner geben? Diese und viele anderen Fragen, die sich angesichts der gelockerten Familiensysteme auftun, führen die Nachkommen zu bestimmten Schlussfolgerungen, zu dem Boden, auf dem die Forderung nach Politik fußt. Die eigene Position ist dabei immer die Position von allen in der Gesellschaft. Sie ist Teil des Ganzen, und um sie zu erkennen, muss auch das Ganze betrachtet werden. Kritisch betrachtet, denn das Ganze zeigt sich als eine Reihe von Ausschlüssen. Es genügt nicht, die Sprache der Herrschenden zu beherrschen. Um sie wirksam zu sprechen, müssen sich die MigrantInnen auch in den Räumen ansiedeln, von wo aus das Sprechen dieser Sprache auf eine allgemeine Resonanz stößt. Darum die Auseinandersetzungen um die Positionen der Sprechenden und die Delegitimierungskämpfe innerhalb des gar nicht so kleinen Bereiches – der Advokatenökonomien.

Wir sind noch weit davon entfernt, dass die MigrantInnen jene Schaltstellen besetzen, durch deren Wirkung die Folgen der Diskriminierung für die ganze Gruppe abgemildert werden können. Aber sie haben einen glaubhaften Anspruch auf diese Stellen erhoben und sind damit in einen gesellschaftlichen Kampf um Ressourcen und Privilegien eingetreten. Gleichzeitig erleben wir, dass die demografische und technische Entwicklung die davor sich abkapselnden Gesellschaften zur Öffnung zwingt. Sogar solche Hochburgen des nationalen Konservativismus in Österreich, wie der Österreichische Gewerkschaftsbund und die Arbeiterkammer, befinden sich heute in einer Lage, in der es ausgeschlossen ist, kategorisch nein zu sagen. Die privilegierten Positionen sind eben nicht mehr unumstritten, und diese eine Bewegung wird zu weiteren Bewegungen führen. Die stattgefundene Bewegung des Bewusstseins führt zum Wissen. Umgekehrt schafft das angehäufte Wissen die Instrumentarien, um dem Bewusstsein weitere Kraftanstrengungen zu verleihen. Die MigrantInnen sind noch weit davon entfernt, gleiche Zugangschancen zu gesellschaftlichen Ressourcen zu haben. Schon gar nicht sind sie in der Lage, irgendeinen direkten Einfluss4 auf die Verteilung innerhalb der Gesellschaft auszuüben. Diese sind nach wie vor monopolisiert von den großen Spielern: Interessensvertretungen, Parteien, Konzernen und der EU. Aber sie bieten kein einheitliches Bild der Macht mehr an, sondern sind selber umstritten und in einem Kampf um die Hegemonie involviert. Innerhalb dieses Kampfes eröffnen sich die Möglichkeiten einer weiteren Stärkung der Position derjenigen, die lange Zeit per definitionem nicht dazu gehören. Der Glaube, dass dies einen generellen Einfluss auf die Diskriminierungsverhältnisse haben wird, wäre allerdings ein Fehlschluss. Tatsache ist, dass ein übergroßer Anteil der MigrantInnen über die Generationen hinweg die gleichen schlecht entlohnten und stigmatisierten Arbeitsplätze in der Gesellschaft einnehmen wird und dass auch den neuen Einwanderergruppen (denen die Einwanderung gestattet wird) einzig diese Plätze offen stehen. Die Bewegung, die die Erkenntnis der Herrschaftsverhältnisse mit sich bringt, ist noch weit davon entfernt, eine Linie der Durchsetzung zu markieren. Sie ist zwar eine notwendige Voraussetzung dafür, aber keine hinreichende. Um hinreichend zu sein, müssten die Machtpotenziale der MigrantInnen um einiges stärker werden. Das ist die strategische Linie, die seitens des politischen Antirassismus verfolgt wird.

Kämpfe

Die damit einhergehenden Kämpfe weisen – wenn sei einzeln betrachtet werden – etwas Mangelhaftes auf. Diesbezüglich gibt es keinen Unterschied, egal ob wir an die Kämpfe der Subalternen an der Peripherie denken, oder an die europäischen post-68er-Intellektuellen. Alle können auf der jeweils anderen Seite, aber auch bei sich selbst Mängel und Unvollkommenheiten erblicken. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn diese Kämpfe entstehen in spezifischen Situationen, aus denen heraus sie spezifische Instrumente entwickeln, und sie gedeihen unter ganz bestimmten Bedingungen. Die Umstände, unter denen sie stattfinden, haben für Außenstehende immer einen gewissen Zufallcharakter. Es gibt keine eindeutig feststellbaren Regeln, wofür und wie sich die EinwohnerInnen einer Gegend, die ArbeiterInnen in einer Fabrik oder die Illegalisierten zwecks Vorantreibung der kollektiven Veränderungsprozesse entscheiden. Natürlich gibt es dafür günstigere oder ungünstigere Bedingungen, aber ob es zu einer kollektiven Aktion kommt oder nicht, kann kaum je vorhergesagt werden. Dabei spielen einfach zu viele Faktoren eine Rolle. Weiters sind diese Kämpfe nicht nach dem gleichen Muster wiederholbar. Sie beziehen sich auf einen ganz bestimmten sozialen Zusammenhang in einem raumzeitlichen Gefüge. Die Wiederholung woanders wäre insofern nur der Form nach möglich. Die Inhalte der Kämpfe bleiben in sich geschlossene, kleine, unwiederholbare Ereignisse. Es sind fensterlose Monaden, die dazu dienen, das gesamte gesellschaftliche Gefüge zu strukturieren. Die Gesellschaft ist nichts anderes als ein Ergebnis, ein Erzeugnis, ein vorübergehendes Resultat der politischen Kämpfe. Die damit verbundene unwiederholbare Erfahrung ist genau das, was die Kämpfe so anziehend (und abstoßend) macht. Gegenüber einem kollektiven Veränderungsprozess gibt es keine inhaltliche Beziehung der Gleichgültigkeit. Jeder politische Kampf polarisiert und schafft Klarheiten. Der Kampf, jeder politische Kampf, ist wie der Wind, der den Nebel vorantreibt. Sein Zweck in der Zeit ist es, einen Blick über den Horizont hinaus zu gewährleisten. Aber die Kämpfe haben auch ihre Grenzen, denn hinter dem Horizont befindet sich ein weiterer Horizont. Diese Horizontgrenzen stellen sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der formalen Ebene Barrieren dar, die nicht überschreitbar sind.

Kämpfe sind Beziehungen. Sie basieren auf den Möglichkeiten menschlichen Verhaltens und können sich genauso wie Beziehungen verdichten, wachsen, ausbreiten, vertiefen, aber auch abflauen, schwächer werden und aufhören, eine Rolle für die Beteiligten, aber auch für alle anderen zu spielen. Es kann aber auch zu einer Kumulation der Kämpfe kommen. Das letzte Stadium dieser Kumulation wird Revolution genannt. Nur die Revolution eröffnet den Horizont einer Gesamtveränderung. Aber bis dahin kommt es zur Überlappung von Kämpfen, die auf die Gesellschaft verschiedene Auswirkungen haben, ebenso wie auf die unmittelbar an den Kämpfen beteiligten Individuen und Gruppen. Dabei stellt sich stets die Frage, wann ein Kampf emanzipatorisch ist, und wann reaktionär. Dies zu analysieren, war und ist die Aufgabe von linken Intellektuellen. Nur wenn ein Kampf das Prinzip der Gleichheit aktualisiert, gleichzeitig aber nicht den Anspruch erhebt, dieses zu verabsolutieren, also zur erstarrten Endgültigkeit für alle zu machen, wenn er sich sozusagen allein nach den Verhältnissen richtet und in ihnen verbleibt, in voller Radikalität und Militanz, um nicht sofort durch die Verhältnisse erstickt zu werden, sich seiner Beschränktheit bewusst ist, nur dann bleibt die heutzutage notwendige Vielfalt im Kampf erhalten. Diese Vielfalt ist deswegen notwendig, weil sie auf die vielen Herausforderungen eingeht und gegen eine negative Diversität der Unterdrückungs- und Herrschaftstechniken gerichtet ist. Eine Einheit der Kämpfe ist nur scheinbar: Sie ist gegeben durch ihr Gerichtetsein: einerseits auf die Gegner, andererseits auf die Prinzipien der Gleichheit und Freiheit, auf egaliberte. Diese Einheit des Kampfes ist nur eine Bestätigung seiner Mannigfaltigkeit. In der Politik geht es beispielsweise um die Forderung, die Gesellschaft so zu verändern, dass das Sprechen der Subalternen als das wahrgenommen wird, was es immer schon war, nämlich Teil einer allgemeinen überindividuellen Verkettung von rationalen Begriffen und Kategorien, die ausnahmslos allen in einer Gesellschaft Lebenden gehört. Die Sprache der Teilhabe gehört allen, weil niemand allein einen prinzipiellen Anspruch darauf hat. Der Anspruch der Herrschenden wird nicht auf die Sprache erhoben, sondern auf das Sprechen, also auf den Akt, der sich zwischen Individuum und Gesellschaft schiebt und die eigentliche Reproduktionsstätte der Sprache darstellt. Diese Reproduktionsstätte (aber auch Veräußerungsstätte) der Sprache ist ein umkämpftes Terrain. Es ist ein Terrain, auf dem sich die Kämpfe um die Hegemonie abspielen. Wer keinen Zugang dazu hat, kann die Sprache sprechen und trotzdem nicht gehört werden, gehört in dem Sinn, dass seine soziopolitische Situation ein Teil der allgemein verbreiteten Sprachlosigkeit wird – und dadurch ein Teil der Entscheidungen bezüglich der gesellschaftlichen Interessen. In dieser Hinsicht ist jede Rede von der Sprache und von Sprachkenntnissen im Migrationsbereich irreführend, denn der Zweck dieses Zwanges ist nicht der, dass die MigrantInnen die Sprache der Gesellschaft erlernen – diese beherrschen sie in den meisten Fällen ohnehin – sondern dass  dadurch einer gesellschaftlichen Gruppe das Verständnis der Zusammenhänge abgesprochen wird und somit auch die Möglichkeit der Beteiligung und der Teilhabe. In dem Kampf um die Hegemonie in der Gesellschaft wird den MigrantInnen die Sprache abgesprochen, weil sie sich innerhalb der rassistisch strukturierten Gesellschaften politisch nicht artikulieren können. Der Subtext des Ganzen lautet, dass sie dafür noch zu jung (Kinder) oder zu stark an den eigenen kulturellen Hintergrund gebunden (Verführte) sind. Den Kindern und den Verführten bietet die Gesellschaft Pädagogik und Umerziehungsmöglichkeiten, nicht aber die Möglichkeit eines Wahlrechtes. Die Sprache als Problem der »Integration« existiert nicht zufällig nur in den Ländern, in denen es eine große Gruppe innerhalb der langansässigen Bevölkerung gibt, die kein Wahlrecht hat.

Anfang Februar 2011 besuchte ich eine Veranstaltung in einer Schule, angesiedelt im traditionellen Wiener Arbeiterbezirk Favoriten. Fast alle SchülerInnen dort hatten Migrationshintergrund. Die Veranstaltung begann mit einer Ansprache des Schuldirektors. Die zentrale Argumentationslinie in seiner Rede war die Wahrung der Frauenrechte und der Menschenrechte, die seitens der SchülerInnen respektiert werden müssen. Den rassistischen Sachverhalt, dass in dieser Schüle kein/e einzige/r Lehrer/in arbeitet, der/die Migrationshintergrund hat, fand keine Erwähnung. Im Anschluss an die Veranstaltung thematisierte ich diesen Sachverhalt in einem Gespräch mit den Eltern einer Schülerin, die aus Serbien eingewandert waren. Sie sagten mir: »In Österreich ist nach wie vor klar, wer etwas machen ›kann‹ und wer was machen ›muss‹, aber das wird sich auch bald ändern.« Dieser Satz ist unsere soziale Realität.

1 Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik I. Werkausgabe Band XI. Frankfurt am Main 1977, S. 53–61.

2 Ich folge hier in groben Zügen der von Michel Foucault vorgenommenen Deutung des Kant’schen Textes »Was ist Aufklärung?«. Vgl. Michel Foucault, Die Regierung des Selbst und der anderen. Frankfurt am Main 2009, S. 13–62.

3 Ein jährlich im Frühsommer stattfindender Karneval der Kunst in einem traditionellen Wiener Arbeiterbezirk ist ein Sammelbeckchen dieser Art von zweckorientierter Kunst oder, Pierre Bourdieu paraphrasierend, »Kunst im Dienst«.

4 Einen indirekten schwachen Einfluss gibt es ohne weiteres, aber dieser läuft nicht auf einen Zugewinn an Gleichheit hinaus, sondern höchstens auf eine Abweichung der Speerspitzen der Diskriminierung.

(Bratic, Ljubomir (2011) Der Wind, der den Nebel vorantreibt. In: springerin, Band XVII Heft 2, 44-48.)